Zwei Buchstaben hinter dem Namen, und die Weinwelt verstummt kurz: MW. Der Master of Wine ist kein akademischer Grad und kein Sommelierdiplom, sondern das Zeugnis des Institute of Masters of Wine in London, dass jemand den Wein von der Rebe bis zum Regal in Theorie und Glas durchdrungen hat. Angefangen hat alles 1953 als Prüfung des britischen Weinhandels in der Vintners’ Hall: 21 Kandidaten traten an, sechs bestanden. Diese sechs gründeten 1955 das Institut. Jahrzehntelang blieb der Titel eine Angelegenheit des Londoner Handels; 1984 bestand Jancis Robinson als erste Person von ausserhalb der Branche, und seit den Achtzigerjahren ist das Studium weltweit offen.
36 Weine an drei Morgen
Die Prüfung ist berüchtigt, und zu Recht. Die Theorie füllt mehrere Tage mit Aufsätzen über Rebbau, Kellertechnik, Weinhandel und aktuelle Fragen, von der Kapsel bis zum Klimawandel. Die Praxis besteht aus drei Blinddegustationen zu je zwölf Weinen an drei Vormittagen: Rebsorte, Herkunft, Qualität, Jahrgang, Machart, alles schriftlich begründet. Wer beides bestanden hat, schreibt eine Forschungsarbeit zu einem selbst gewählten Thema. In einem gewöhnlichen Jahr schaffen nur wenige Dutzend Menschen den Abschluss, die meisten nach mehreren Versuchen und fünf oder mehr Jahren. Rund 400 Masters of Wine gibt es heute in rund 30 Ländern, weniger als Menschen, die auf dem Everest standen.
Zum Angeben am Apéro
Bei der ersten Prüfung 1953 traten 21 Kandidaten an und sechs bestanden; sieben Jahrzehnte später gibt es auf der ganzen Welt erst rund 400 Masters of Wine.
Was machen sie dann? Auffällig viele schreiben: Jancis Robinson, Michael Broadbent, Tim Atkin. Andere kaufen für Handelshäuser ein, beraten Weingüter oder machen selbst Wein. Der erste Schweizer war Philipp Schwander, der die Prüfung 1996 bestand und rund zwanzig Jahre lang der einzige Schweizer mit dem Titel blieb; er leitete den Einkauf grosser Zürcher und St. Galler Weinhäuser, bevor er 2003 seinen eigenen Importbetrieb gründete. Für die Schweizer Weinszene war das ein Signal: Man kann in Zürich sitzen und trotzdem zu den weltbesten Weinkennern gehören.
Schreibtisch statt Speisesaal
Der Unterschied zum Master Sommelier liegt im Arbeitsplatz. Der Master Sommelier steht im Restaurant und muss in 25 Minuten sechs Weine blind erkennen und dazu eine Flasche fehlerfrei servieren. Der Master of Wine sitzt am Schreibtisch und muss erklären, warum. Für Ihr Glas heisst das: Steht «MW» hinter dem Namen auf der Rückseite eines Weinführers, hat da jemand sehr lange sehr aufmerksam degustiert.
