Jancis Robinson studierte in Oxford Mathematik und Philosophie, nicht Önologie, und kam 1975 als Redaktionsassistentin zu einem Fachblatt für Wein und Spirituosen. Was als Job begann, wurde zur Berufung: Sie lernte degustieren, reiste in die Rebberge und begann zu schreiben, wie sie bis heute schreibt, klar, neugierig und ohne das Getue, das viele vom Wein fernhält. 1984 bestand sie als erste Person, die nicht aus dem Weinhandel kam, die Prüfungen zum Master of Wine; bis dahin war der Titel den Händlern vorbehalten gewesen.
Vom Companion zum Atlas
Ihr Lebenswerk sind die Nachschlagewerke. «The Oxford Companion to Wine», das sie seit der ersten Auflage von 1994 herausgibt, ist das Lexikon des Weins: Tausende Einträge von A wie Abboccato bis Z wie Zweigelt, verfasst von Fachleuten aus aller Welt und von ihr redigiert. Den «World Atlas of Wine», den Hugh Johnson 1971 erfunden hatte, zeichnet sie seit der Ausgabe von 2001 mit ihm zusammen; die Karten des Atlas sind der Grund, weshalb so viele Weintrinkende die Lage eines Grand Cru beschreiben können, ohne je dort gewesen zu sein.
Zum Angeben am Apéro
In «Wine Grapes» beschreibt Jancis Robinson mit Julia Harding und dem Walliser Genetiker José Vouillamoz 1 368 Rebsorten auf fast 1 300 Seiten, mit Stammbäumen, die manche Familienlegende beerdigten.
1 368 Rebsorten
2012 folgte «Wine Grapes», geschrieben mit Julia Harding und dem Walliser Rebgenetiker José Vouillamoz: 1 368 Rebsorten, die irgendwo auf der Welt für Wein angebaut werden, mit Herkunft, Synonymen und, dank der DNA-Analyse, mit Stammbäumen. Das Buch hat manche Familienlegende beerdigt und gezeigt, wie eng die Verwandtschaften sind, vom Gouais Blanc, dem Vater halber Rebsorten Europas, bis zu den Walliser Raritäten, die Vouillamoz untersucht hatte.
Seit 1989 schreibt sie wöchentlich in der «Financial Times»; seit 2000 betreibt sie ihre eigene Website, auf der sie und ihr Team Zehntausende Degustationsnotizen veröffentlichen. Sie benotet auf der europäischen 20-Punkte-Skala, bei der ein 17er schon ein sehr guter Wein ist, und misstraut jeder Zahl ohne Text. 2003 ernannte sie die Queen zum Officer of the British Empire; von 2004 bis 2022 beriet sie den Weinkeller des Königshauses.
Lesen, nicht nur zählen
Was Sie von ihr mitnehmen können: Lesen Sie Notizen, nicht nur Punkte; trauen Sie Ihrem Gaumen; und greifen Sie zu Sorten, die niemand kennt. Robinson hat mehr als jede andere Stimme dafür gesorgt, dass eine Petite Arvine oder ein Completer heute als Weltkulturerbe des Weins gelten und nicht als Kuriosität.
