Als François Clicquot 1805 an einem Fieber starb, war seine Witwe 27 Jahre alt, Mutter einer Tochter und nach dem Gesetz des napoleonischen Frankreich kaum geschäftsfähig: Eine verheiratete Frau durfte ohne ihren Mann keinen Vertrag unterschreiben. Eine Witwe durfte. Barbe-Nicole Ponsardin, Tochter eines Tuchfabrikanten aus Reims, überzeugte ihren Schwiegervater, ihr das kleine Handelshaus zu überlassen, das Wein, Wolle und Bankgeschäfte betrieb. Sie behielt den Wein, liess den Rest fallen und schrieb ihren Namen auf die Etikette: Veuve Clicquot Ponsardin. «Veuve», Witwe, war damals ein Ausweis von Seriosität, kein Markenartikel.
Ein Wettlauf nach Russland
Ihr grösster Coup war ein Rennen. Napoleons Kontinentalsperre hatte Russland für französischen Wein geschlossen, und der russische Hof liebte Champagner, am liebsten süss. Im Frühjahr 1814, als die Blockade fiel, schickte Madame Clicquot heimlich ein Schiff mit rund 10 550 Flaschen ihres Jahrgangs 1811 los, des «Kometenjahrgangs», benannt nach dem grossen Kometen, der in jenem Jahr monatelang am Himmel stand. Die Flaschen kamen vor der Konkurrenz an, und bald trank Sankt Petersburg «Klikofskoje». Russland blieb jahrzehntelang ihr wichtigster Markt.
Zum Angeben am Apéro
Das klare Glas Champagner verdanken wir einem Küchentisch: Um 1816 liess Madame Clicquot schräge Löcher hineinbohren, damit das Depot in den Flaschenhals rutscht.
Ein Tisch mit Löchern
Ihre Erfindung war ein Tisch. Champagner wurde damals trüb ausgeliefert, weil die Hefe der zweiten Gärung in der Flasche blieb; wer klaren Wein wollte, musste ihn umfüllen und verlor dabei Kohlensäure. Um 1816 liess Madame Clicquot, so die Überlieferung, in ihren Küchentisch schräge Löcher bohren, in die die Flaschen kopfüber gesteckt wurden. Durch regelmässiges Drehen und Steilerstellen sammelte sich das Depot im Flaschenhals, wo es sich mit einem Griff entfernen liess. Das Rütteln, remuage, hielt sie jahrelang geheim. Heute ist es ein Pflichtschritt der Flaschengärung, ob von Hand auf dem Pupitre oder maschinell im Gyropalette.
Rosé, Gelb und ein Wort
1818 mischte sie Rotwein aus Bouzy in ihren Champagner und schuf den ersten Rosé d’assemblage, die Methode, nach der die meisten Rosé-Champagner noch heute entstehen. Die berühmte gelbe Etikette hingegen sah sie nie: Das Haus liess sie 1877 als Marke eintragen, elf Jahre nach ihrem Tod. Die Cuvée La Grande Dame trägt seit 1972 ihren Ehrennamen. Wenn also das nächste Mal eine Flasche mit gelbem Etikett auf dem Tisch steht, lohnt ein Blick auf das Wort Veuve: Es erinnert an eine Frau, die aus einem Nachteil ein Weltunternehmen machte.
