In Katsunuma wachsen die Reben über dem Kopf. Der Koshu hängt von mannshohen Pergolen, seine langen, graurosa Trauben im Schatten eines Blätterdachs. Die Anordnung ist alt, und sie ist eine Antwort auf das Wetter: Sie hält die Trauben vom nassen Boden fern und lässt die Luft durch sie ziehen, in einem Sommer, der warm und feucht ist. Katsunuma, heute Teil der Stadt Koshu, liegt auf einem Schwemmfächer am Ostrand des Kofu-Beckens, 400 bis 600 Meter hoch, mit dem Fuji am südlichen Horizont und den Südalpen im Westen, westlich von Tokio hinter den Bergen.
Eine Traube von der Seidenstrasse
Koshu ist eine Vitis vinifera mit rosa Beerenhaut, und die Genetik hat den lokalen Legenden einen Rahmen gegeben: Die Sorte ist wohl eine natürliche Kreuzung der Europäerrebe mit ostasiatischen Wildreben, entstanden irgendwo an der Seidenstrasse, bevor die Traube Japan erreichte; die Legende lässt sie im 8. oder im 12. Jahrhundert in Katsunuma gefunden werden. Der Wein kam mit der Meiji-Zeit: 1877 schickte eine Gesellschaft von Katsunumer Winzern zwei junge Männer, Takano Masanari und Tsuchiya Ryuken, nach Troyes in Frankreich, um das Handwerk zu lernen. 2010 registrierte die OIV den Koshu als erste japanische Sorte auf ihrer Liste. Die rote Sorte der Präfektur ist Muscat Bailey A, 1927 von Kawakami Zenbei in Niigata aus der amerikanischen Bailey und Muscat Hamburg gezüchtet: ein leichter, weicher Roter, der nach Erdbeeren duftet. Auch Chardonnay und Merlot wachsen hier, doch der Merlot gehört vor allem zur Nachbarpräfektur Nagano.
Im Glas
Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.
| Rebsorte | Süsse | Säure | Tannin | Körper |
|---|---|---|---|---|
| Chardonnay | trocken | mittel bis hoch | weiss, ohne Tannin | mittel(−) bis voll |
| Merlot | trocken | mittel(−) bis mittel | mittel(−) bis mittel(+) | mittel bis voll |
Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche.
Berge auf allen Seiten
Japan ist ein nasses Land, und Yamanashi ist eine seiner trockensten Ecken. Berge umringen das Becken, der Fuji, die Südalpen, das Yatsugatake-Massiv und die Chichibu-Kette, und sie schirmen es ab: Kofu bekommt rund 1 160 Millimeter Regen im Jahr und über 2 200 Sonnenstunden, trockener und sonniger als die Küsten. Der Regen, der kommt, kommt allerdings ungünstig: Die Taifune bringen im September und Oktober Schauer zum Wümmet, weshalb die Pergola und die dicke Haut des Koshu zählen; die Winzer der Halbinsel Shandong kämpfen mit demselben Monsunsommer. 2013 wurde «Yamanashi» Japans erste geografische Angabe für Wein, und seit 2018 darf nur Wein, der ganz aus in Japan gewachsenen Trauben stammt, Japan Wine heissen. Rund ein Drittel davon entsteht in Yamanashi, in mehr als achtzig Kellereien, über dreissig allein in Katsunuma, aus rund 650 Hektaren Keltertrauben; die rund 3 800 Hektaren Reben der Präfektur tragen meist Kyoho und Shine Muscat für den Tisch.
Grössenvergleich
650 ha Yamanashi hat rund 5 % der Schweizer Rebfläche.
Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.
Sushi, Tempura, Koshu
Koshu ist ein Wein des Understatements: hell, leicht, mit Yuzu und weissem Pfirsich, einem leicht bitteren, salzigen Abgang und oft weniger als 12 Prozent Alkohol. Er ist gemacht für den Tisch, neben dem er aufwuchs, Sashimi, Sushi, Tempura und gegrillten Fisch, bei 8 bis 10 Grad; Muscat Bailey A, leicht gekühlt auf etwa 14 Grad, passt zu Yakitori mit süsser Tare-Sauce oder zu Nikujaga. Wie der Schweizer Wein wird auch Japan Wine fast ganz im eigenen Land getrunken; der Koshu ist die erste Flasche, die zu reisen begonnen hat.