1892 kam ein Kaufmann, der in Südostasien reich geworden war, nach Hause, um eine Kellerei zu gründen. Zhang Bishi, in den Südmeeren als Cheong Fatt Tze bekannt, wählte den Vertragshafen Yantai, damals Chefoo, an der Nordküste der Halbinsel Shandong, nannte das Haus Changyu und liess mehr als hundert Rebsorten aus Europa verschiffen. Eine davon kam unter einem Namen an, den kein Europäer kannte: Cabernet Gernischt. Changyu gilt als älteste Kellerei Chinas und ist noch immer sein grösstes Haus, Yantai als Wiege der modernen Weinindustrie des Landes; 1987 verlieh die OIV der Stadt den Titel einer internationalen Stadt der Rebe und des Weins.

Eine Traube mit falschem Pass

Cabernet Gernischt hielt man lange für eine eigene europäische Sorte aus dem Umfeld des Cabernet Franc, bis DNA-Analysen zeigten, dass es sich meist um Carmenère handelt, jene Bordeaux-Sorte, die nach der Reblaus aus Bordeaux fast verschwand und in Chile überlebte; der Name geht wohl auf das deutsche «gemischt» zurück, einen gemischten Cabernet. In Shandong wächst er neben Cabernet Sauvignon und Merlot, Chardonnay und etwas Riesling, und er gibt der Provinz ihren eigenen Geschmack: mittelschwere Rote mit grünem Pfeffer, Kräutern und einer pfeffrigen Kante, leichter als die Cabernets aus Ningxia.

Im Glas

Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.

RebsorteSüsseSäureTanninKörper
Cabernet Sauvignontrockenmittel bis hochmittel(+) bis hochmittel bis voll
Carmenèretrockenmittel(−) bis mittelmittel(−) bis mittelmittel bis mittel(+)
Merlottrockenmittel(−) bis mittelmittel(−) bis mittel(+)mittel bis voll
Chardonnaytrockenmittel bis hochweiss, ohne Tanninmittel(−) bis voll
Rieslingtrocken bis edelsüsshochweiss, ohne Tanninleicht bis mittel(+)

Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche.

Regen im August

Die Halbinsel schiebt sich auf rund 37 Grad nördlicher Breite, der Breite Siziliens, ins Gelbe Meer, und das Meer mildert das Klima; doch dies ist eine Monsunküste. Von den rund 650 Millimetern Regen fällt ein grosser Teil im Juli und August, gerade wenn die Trauben reifen, sodass Mehltau und Fäulnis die Feinde der Winzer sind, nicht die Dürre, und der Wümmet zum Wettlauf mit den Wolken werden kann. Was Shandong erspart bleibt, ist der Winter: Der Januar pendelt um den Gefrierpunkt, und die Reben bleiben im Boden stehen, wo sie in Ningxia oder Xinjiang eingegraben werden müssen. Penglai, westlich von Yantai an der Nordküste, ist zur Qualitätszone geworden, mit Granitböden und Hanglagen; hier wählte die Domaine de Long Dai, das chinesische Gut der Rothschilds von Lafite, Ende der 2000er-Jahre ihr Land, pflanzte 2011 Reben auf mehreren hundert Terrassen im Tal von Qiu Shan und brachte 2019 ihren ersten Jahrgang, 2017, auf den Markt. Changyus eigenes Château Changyu-Castel steht vor den Toren Yantais.

Grössenvergleich

19 000 ha Shandong hat rund 1,3× so viele Reben wie die ganze Schweiz.

Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.

Rebflächen im Vergleich

  1. Ningxia40 000 ha
  2. Shandong19 000 ha

Rebfläche in Hektaren, gerundet, nach den Angaben der Artikel. Regionen ohne verlässliche Flächenangabe fehlen.

Grosse Zahlen, kleiner Anteil

China besitzt rund 755 000 Hektaren Reben, nach Spanien und Frankreich die drittgrösste Fläche der Welt (OIV 2023), doch die grosse Mehrheit trägt Tafeltrauben, und der Wein stammt aus einem kleinen Teil davon. Yantai allein erzeugt nach eigenen Angaben rund zwei Fünftel des chinesischen Weins (2024), während die Güter von Penglai dem Markt für feine Weine nachjagen, den Ningxia geöffnet hat. Bei Tisch gehören die Gernischt-Roten zu geschmortem Schweinefleisch, Lauch und Seegurke, den Klassikern der Küche Shandongs, bei rund 16 Grad; der Chardonnay begleitet die Jakobsmuscheln und Crevetten des Gelben Meers.