Ein Weinblatt genügt. Aus ein paar Zellen lässt sich heute ein genetischer Fingerabdruck einer Rebsorte gewinnen, und wer genug solcher Abdrücke in einer Datenbank hat, kann Eltern, Kinder und Geschwister bestimmen, wie bei einem Vaterschaftstest. Dass diese Methode in den 1990er-Jahren die Weinwelt umkrempelte, ist vor allem Carole Meredith an der University of California in Davis zu verdanken, die 1997 zeigte, dass Cabernet Sauvignon ein Kind von Cabernet Franc und Sauvignon Blanc ist. Zu ihr ging ein junger Walliser Biologe, der seinen Doktortitel an der Universität Lausanne mit einer Arbeit über eine Gattung aus der Familie der Raublattgewächse erworben hatte: José Vouillamoz wollte die Technik lernen, um sie auf die Rebsorten seiner Heimat anzuwenden.
Das Wallis als Labor
Das Wallis war für diese Frage der beste Ort der Welt. In kaum einer anderen Region haben so viele alte, eigenständige Sorten überlebt: Rèze, Humagne Blanche, Petite Arvine, Amigne, Cornalin, Lafnetscha, Himbertscha. Mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds sammelte Vouillamoz ihre Profile und verglich sie mit Sorten aus dem Aostatal, Savoyen und dem Rest Europas. Es zeigte sich, dass die Alpen keine Mauer waren, sondern ein Netz von Verwandtschaften, und dass einige Walliser Sorten eher Eltern als Kinder sind. Nicht jede These hielt: Die 2003 vorgeschlagene Abstammung des Cornalin von Mayolet und Petit Rouge widerlegte Agroscope 2025, und genau das gehört zur Wissenschaft, die Vouillamoz betreibt.
Zum Angeben am Apéro
Rebsorten haben Eltern wie Menschen, und ein Walliser hat sie per DNA-Test gefunden: Rund 1 400 Sorten stehen im Buch Wine Grapes, das José Vouillamoz mitgeschrieben hat.
Ein Buch mit 1 400 Sorten
Seinen Namen kennt die Weinwelt vor allem wegen eines Buchs von knapp 1 300 Seiten. Wine Grapes, 2012 mit Jancis Robinson und Julia Harding veröffentlicht, beschreibt rund 1 400 Rebsorten, die irgendwo auf der Welt zu Wein werden, mit Herkunft, Synonymen, Aromen und, wo bekannt, den Eltern; Vouillamoz zeichnete die Stammbäume. Das Buch räumte mit vielen Legenden auf. Der Zinfandel aus Kalifornien ist der kroatische Tribidrag, der Primitivo Apuliens derselbe; viele «uralte» Sorten sind jünger als gedacht, und viele Namen bezeichnen schlicht dieselbe Pflanze.
Die Geschichten der Schweizer Reben
2017 erschien Cépages suisses: histoires et origines, auf Deutsch als Schweizer Rebsorten, mit den Geschichten der Sorten, die in der Schweiz entstanden sind oder nur hier überlebt haben. Vouillamoz hält Vorträge, führt Degustationen und streitet gern über die Frage, ob der Chasselas aus Ägypten, Burgund oder vom Genfersee stammt; die Genetik spricht für die Heimat. Wer das nächste Mal eine Petite Arvine im Glas hat, darf also wissen: Hinter dem Wein steht nicht nur ein Winzer, sondern auch ein Stammbaum, und ein Walliser hat ihn gezeichnet.
