1978 verschickte ein 31-jähriger Anwalt aus Baltimore die erste Nummer eines Newsletters, den er «The Wine Advocate» nannte: ein Anwalt für die Konsumentinnen und Konsumenten, nach dem Vorbild des Verbraucherschützers Ralph Nader. Robert Parker, Jahrgang 1947, nahm keine Inserate an, kaufte seine Weine selbst und schrieb so, dass man ihn verstand. Und er benotete wie ein amerikanischer Lehrer: von 50 bis 100 Punkten, statt mit Sternen oder der europäischen 20er-Skala.
Der Jahrgang 1982
Der Durchbruch kam mit dem Jahrgang 1982 in Bordeaux. Während etablierte Kritiker die jungen Weine für zu üppig und zu weich hielten, erklärte Parker sie zum Jahrhundertjahrgang und riet, so viel wie möglich zu kaufen. Er hatte recht, die Preise stiegen, und von da an bewegte eine Zahl aus Maryland die Märkte: 100 Punkte konnten den Preis eines Weins über Nacht vervielfachen, 85 Punkte ein Gut in Schwierigkeiten bringen. Händler druckten seine Noten auf Regalschilder, Importeure bauten ihr Sortiment um seinen Gaumen herum.
Zum Angeben am Apéro
Parker verkaufte die Mehrheit seines Newsletters 2012 für rund 15 Millionen Dollar an Investoren aus Singapur; seit 2019 gehört «The Wine Advocate» ganz dem Reifenhersteller Michelin.
Der Vorwurf der Parkerisierung
Mit der Macht kam die Kritik. Weil Parker reife, dichte, vom Holz geprägte Rotweine liebte, so der Vorwurf, bauten Produzenten von Bordeaux bis Spanien ihre Weine auf ihn hin aus; «Parkerisierung» wurde zum Schimpfwort, und der Dokumentarfilm «Mondovino» machte ihn zum Symbol eines globalisierten Weingeschmacks. Parker wehrte sich: Er beschreibe nur, was im Glas sei, und wer ihm folge, tue das freiwillig. Frankreich nahm ihn in die Ehrenlegion auf, was zuvor keinem Weinkritiker widerfahren war.
2012 verkaufte er die Mehrheit seines Newsletters für rund 15 Millionen Dollar an Investoren aus Singapur und gab die Chefredaktion ab; 2019 zog er sich ganz zurück, und Michelin, seit 2017 beteiligt, übernahm «The Wine Advocate» vollständig. Die 100-Punkte-Skala hat ihn überlebt: Praktisch jede grosse Publikation benotet heute so, und «Parker-Punkte» stehen in vielen Weinhandlungen noch immer auf dem Preisschild.
Was eine Zahl sagt
Was eine Zahl kann und was nicht: 95 Punkte sagen, dass ein erfahrener Gaumen den Wein an einem bestimmten Tag hervorragend fand. Sie sagen nichts darüber, ob er zu Ihrem Fondue passt, ob Sie kräftige oder feine Weine mögen und ob er heute oder erst in zehn Jahren schmeckt. Lesen Sie die Notiz neben der Zahl: Dort steht, für wen der Wein gemacht ist.
