Ein Berater im Fond seiner Limousine, der von Gut zu Gut chauffiert wird und überall dieselbe Empfehlung abgibt: «Mikrooxygenation!» Diese Szene aus «Mondovino» (2004) machte Michel Rolland, den meistbeschäftigten Önologen von Bordeaux, zum Gesicht einer Debatte. Jonathan Nossiter, Regisseur und selbst ausgebildeter Sommelier, reiste mit einer Handkamera durch Frankreich, Italien, Kalifornien, Argentinien und Brasilien und fragte, ob der Wein der Welt immer gleicher schmecke – und wer daran verdiene.
Zwei Lager
Der Film stellt Lager gegeneinander. Auf der einen Seite die grossen Familien und ihre Netzwerke: die Mondavis aus dem Napa Valley, die mit den Rothschilds Opus One gegründet hatten, die Antinori und Frescobaldi in der Toskana, der Kritiker Robert Parker, dessen Punkte Preise bewegen, und Rolland, der damals weit über hundert Güter beriet. Auf der anderen Seite die Eigensinnigen: Aimé Guibert vom Mas de Daumas Gassac im Languedoc, Hubert de Montille aus Volnay, der von seinen tanninreichen, lange lagerfähigen Burgundern nicht lassen will, und ein Weinbauernpaar in Sardinien.
Zum Angeben am Apéro
Der Bordeaux-Berater Michel Rolland wird im Fond seiner Limousine von Gut zu Gut gefahren und gibt überall denselben Rat: «Mikrooxygenation!» – eine Kellertechnik wurde zum Running Gag des Films.
Die Abstimmung von Aniane
Die Schlüsselszene spielt in Aniane, einem Dorf im Hérault. Die Mondavis wollten dort auf Gemeindeland einen Rebberg anlegen; die Gemeindewahl 2001 brachte eine Mehrheit gegen das Projekt, und das Unternehmen zog sich zurück. Guibert feiert das als Sieg des Dorfes über den Konzern, die Mondavis sehen eine vertane Chance. Der Film nimmt nie offen Partei, schneidet aber so, dass klar wird, wo Nossiters Sympathien liegen – weshalb ihm Kritiker Einseitigkeit vorwarfen. Aus Hunderten Stunden Material entstanden ein Kinofilm von rund 135 Minuten, der 2004 in Cannes im Wettbewerb lief, was für einen Dokumentarfilm äusserst selten ist, und 2006 eine zehnteilige Serie.
Zwanzig Jahre danach
Zwanzig Jahre später wirkt vieles prophetisch, anderes überholt. Die Angst vor dem «Parker-Geschmack» – reif, holzbetont, weich – ist einer Gegenbewegung gewichen: Naturwein, kühlere Lagen, weniger neues Holz, frühere Lese. Robert Mondavis Unternehmen wurde Ende 2004 von Constellation Brands übernommen, Parker trat 2019 ab. Für das eigene Glas bleibt die Frage des Films bestehen: Schmecke ich die Herkunft – oder die Methode? Ein Merlot aus dem Tessin neben einem aus Chile, blind degustiert, gibt eine erste Antwort.
