Die Wand im Weinladen ist voller Kleber: drei Gläser, ein Stern, eine Goldmedaille, «Top 100», «92 Punkte». Jeder stammt aus einer anderen Welt mit eigenen Regeln, und wer sie kennt, kauft entspannter. Zwei Grundformen gibt es: den Weinführer, den eine Redaktion jedes Jahr neu schreibt, und den Wettbewerb, zu dem Produzenten ihre Weine einreichen.
Drei Gläser, ein Coup de cœur
Die Führer haben nationale Charaktere. In Italien zählt seit Ende der 1980er-Jahre der Gambero Rosso mit seinem Führer «Vini d’Italia»: Die Höchstnote sind die Tre Bicchieri, drei Gläser, die jedes Jahr ein paar hundert Weine erhalten und die auf einer Tournee von Tokio bis New York präsentiert werden. In Frankreich degustieren seit 1985 Jurys für den Guide Hachette blind und vergeben null bis drei Sterne, dazu ein «coup de cœur» pro Appellation. In den USA erscheint seit 1988 jeden Herbst die Top 100 des «Wine Spectator», eine Rangliste, in die neben der Note auch Preis, Verfügbarkeit und der «Spannungsfaktor» einfliessen. Für die Schweiz schreiben das Zürcher Magazin Vinum, gegründet 1980 und heute in mehreren Länderausgaben erscheinend, und der Gault&Millau mit seinem Weinguide; aus Wien kommt der Falstaff.
Zum Angeben am Apéro
Nach den Regeln der OIV dürfen an einem Wettbewerb höchstens 30 Prozent der eingereichten Weine eine Medaille erhalten; eine Goldmedaille verrät also auch, dass das Gut überhaupt angetreten ist.
Wer antritt, zahlt
Wettbewerbe sind etwas anderes: Hier melden die Güter an und bezahlen pro Wein eine Gebühr. Der Concours Mondial de Bruxelles, 1994 gegründet und heute jedes Jahr in einer anderen Stadt zu Gast, und die Decanter World Wine Awards aus London, seit 2004 und 2026 mit fast 17 000 Weinen der grösste Wettbewerb der Welt, sind die bekanntesten. In der Schweiz organisiert die Vinea in Siders seit 1998 den Mondial des Pinots, den weltweit einzigen Wettbewerb nur für die Pinot-Familie, und zusammen mit Vinum seit Mitte der 2000er-Jahre den Grand Prix du Vin Suisse, die Meisterschaft der Schweizer Weine mit ihrer Gala in Bern.
Damit eine Medaille etwas wert ist, gibt es Regeln. Wettbewerbe unter dem Patronat der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) dürfen höchstens 30 Prozent der eingereichten Weine auszeichnen; die Jurys bewerten blind auf Blättern zu 100 Punkten, Gold gibt es seit den Richtlinien von 2025 ab 89, Grosses Gold ab 93. Ein Wein mit Fehlton fällt durch, ein untypischer auch.
Bei Decanter gewinnen 85 Prozent der Weine eine Medaille, unter der Regel der OIV höchstens 30 Prozent
Anteil der eingereichten Weine, der an der letzten Ausgabe eine Medaille gewann.
- mit Obergrenze: 30 Prozent (OIV, Schweizer Önologen) oder ein Drittel (Frankreich)
- ohne Obergrenze
- 30 Prozent
- in der Schweiz
Quellen: die Veranstalter; Medaillen aller Stufen geteilt durch die Weine, die der Veranstalter als eingereicht nennt. Merit-Labels und Diplome unter den Medaillen zählen nicht. Veritas zählt seine Brandys mit.
Den Kleber lesen
Wie Sie einen Kleber lesen: Wer hat ihn vergeben, für welchen Jahrgang und in welcher Kategorie? Eine Goldmedaille sagt, dass der Wein sauber, typisch und gut gemacht ist und dass das Gut sich dem Vergleich gestellt hat. Sie sagt nicht, dass Sie ihn lieben werden. Dafür hilft der Führer mit seinem Text, oder, noch besser, der Händler, der ihn selbst getrunken hat.
