Ein junger Mann aus Los Angeles kauft und verkauft Anfang der 2000er-Jahre alten Burgunder für Millionen, öffnet an Dinners legendäre Flaschen und wird wegen seiner Vorliebe «Dr. Conti» genannt – nach der Domaine de la Romanée-Conti. «Sour Grapes» (2016) von Jerry Rothwell und Reuben Atlas erzählt die Geschichte Rudy Kurniawans, des grössten Weinfälschers, der je verurteilt wurde, als Krimi mit echten Opfern: Sammler, Auktionshäuser und Winzer.
Der Riss von 2008
Der Riss entsteht 2008. Bei Acker Merrall & Condit in New York stehen Flaschen der Domaine Ponsot zur Versteigerung, Clos Saint-Denis aus den Jahren 1945 bis 1971. Laurent Ponsot, Chef der Domaine, weiss, dass das unmöglich ist: Seine Familie füllt den Clos Saint-Denis erst seit 1982 ab. Er fliegt nach New York und lässt die Lots im Saal zurückziehen. Von da an sammelt er jahrelang Beweise, parallel zum Milliardär Bill Koch, der in seinem Keller Fälschungen entdeckt hatte und eigene Ermittler bezahlte. Im März 2012 durchsucht das FBI Kurniawans Haus in Arcadia bei Los Angeles und findet eine Fälscherküche: Tausende Etiketten, alte leere Flaschen, Korken, Siegelwachs und handschriftliche Rezepte, wie aus jüngeren, günstigen Weinen ein «1945er» zu mischen sei.
Zum Angeben am Apéro
Kurniawans «Ponsot Clos Saint-Denis 1945» hatte einen Haken: Die Domaine füllt diesen Wein erst seit 1982 ab – und Laurent Ponsot flog nach New York, um das im Auktionssaal zu sagen.
Wie man einen 1945er mischt
Der Film erklärt dabei nebenbei, wie Weinfälschung funktioniert: Alte Jahrgänge sind selten, teuer und kaum je blind zu überprüfen, weil fast niemand das Original kennt. Kurniawan nutzte das, indem er echte alte Flaschen als Vorlage kaufte und seine Mischungen an Dinners servierte, wo sie gelobt wurden. 2013 wurde er als erster Mensch in den USA wegen Weinfälschung vor einem Bundesgericht schuldig gesprochen, 2014 zu zehn Jahren Haft verurteilt; Ende 2020 kam er frei, 2021 wurde er nach Indonesien ausgeschafft. Das Problem war nicht neu: Schon in den 1980er-Jahren verkaufte der Deutsche Hardy Rodenstock Bordeaux-Flaschen, die angeblich Thomas Jefferson gehört hatten und deren Echtheit nie bewiesen wurde – nachzulesen in Benjamin Wallaces «The Billionaire’s Vinegar» (2008).
Der Handel rüstet auf
Seither hat die Branche aufgerüstet. Labore datieren Wein über das Isotop Cäsium-137, das erst mit den Atomtests nach 1945 in die Umwelt gelangte: Eine Flasche «1929» mit Cäsium ist falsch. Grosse Domaines versehen ihre Flaschen mit fälschungssicheren Siegeln und Codes, Auktionshäuser prüfen die Herkunftskette. Für normale Weintrinkerinnen und Weintrinker ist die Lehre einfach und beruhigend: Fälscher interessieren sich für Flaschen ab mehreren tausend Franken. Wer seinen Burgunder beim Winzer oder beim Händler mit Namen kauft, trinkt echt.
