Jedes Jahr im September versteigert der Verband Deutscher Prädikatsweingüter in Trier die raren Flaschen seiner Mitglieder, und jedes Jahr schaut die Weinwelt auf eine Nummer: die Trockenbeerenauslese vom Scharzhofberg von Egon Müller. 2015 fiel der Hammer für eine Flasche des Jahrgangs 2003 bei rund 12 000 Euro, mehr als je für einen jungen deutschen Wein bezahlt worden war; nur 18 ganze Flaschen kamen zum Aufruf. Es gibt teurere Weine, aber kaum einen Weisswein, der sein Geld so regelmässig bei einer öffentlichen Auktion erzielt.

Der kühlste Hang der Saar

Der Scharzhof liegt in Wiltingen an der Saar, einem Nebenfluss der Mosel, in einer der kühlsten Weingegenden Europas. Hinter dem Haus steigt der Scharzhofberg auf, ein Steilhang aus verwittertem Schiefer, der die Wärme des Tages speichert und sie nachts an die Reben zurückgibt. Rund 8 der 28 Hektaren gehören dem Gut, darunter alte, noch wurzelechte Stöcke. Der Boden gibt dem Riesling seine Rasse: wenig Alkohol, viel Säure, Aromen von Pfirsich und Kräutern und die Fähigkeit, Jahrzehnte zu altern.

Zum Angeben am Apéro

Bei der VDP-Versteigerung in Trier kostete 2015 eine Flasche Scharzhofberger Trockenbeerenauslese 2003 von Egon Müller rund 12 000 Euro, Rekord für einen jungen deutschen Wein.

Ein Erbe der Revolution

Die Geschichte beginnt mit der Französischen Revolution. Der Berg gehörte dem Trierer Kloster St. Marien, wurde nach der Besetzung des Rheinlands säkularisiert und 1797 von Jean-Jacques Koch ersteigert; über seine Tochter kam der Besitz an die Familie Müller. Seit 1991 führt Egon Müller IV. das Gut, der vierte dieses Namens in Folge. Geändert hat sich wenig, und das ist Programm: Die Weine gären spontan in alten Fuderfässern, und es gibt nur Riesling.

Auffällig ist, was fehlt. Während die meisten deutschen Spitzengüter heute ihr Flaggschiff als trockenes Grosses Gewächs abfüllen, bleibt der Scharzhof bei der fruchtsüssen Prädikatspyramide: Kabinett mit rund acht Prozent Alkohol, Spätlese, Auslese, Beerenauslese, Eiswein und in grossen Jahren die Trockenbeerenauslese aus einzeln verlesenen, edelfaulen Beeren, von der es oft nur ein paar Dutzend Flaschen gibt. Die Restsüsse ist hier kein Kompromiss, sondern das Konservierungsmittel, das dem Wein ein halbes Jahrhundert schenkt. Nebenbei macht die Familie Riesling in der Slowakei, auf Château Belá, und in den Adelaide Hills in Australien.

Eine Fussnote zum Namen

Für Schweizer Trinker eine Fussnote zum Namen: Mit dem Müller-Thurgau, dem Riesling-Sylvaner der Deutschschweiz, hat das Gut nichts zu tun; den züchtete der Thurgauer Hermann Müller 1882 in Geisenheim. Wer den Stil der Saar kennenlernen will, beginnt beim Kabinett des Hauses oder bei seinen Nachbarn, leicht, kühl und nach einer Stunde im Glas erstaunlich tief.