Wer in der Schweiz Wein macht, hat mit grosser Wahrscheinlichkeit in Changins studiert. Die Schule entstand 1948 in Lausanne, getragen von den Westschweizer Kantonen, Bern und dem Tessin, und zog 1975 nach Changins oberhalb von Nyon, direkt neben die Forschungsanstalt des Bundes, heute Agroscope. Seit 1999 gibt es den Bachelor, seit 2013 den Master in Weinbau und Önologie, und die Schule gehört zur Fachhochschule Westschweiz HES-SO. Nebenan und in Wädenswil züchtet Agroscope die Sorten, die auf Schweizer Etiketten stehen: Gamaret und Garanoir aus den Siebzigerjahren, Divico, die pilzwiderstandsfähige Sorte von 2013. Rebbau ist in der Schweiz auch eine Wissenschaft mit Adresse.
Von Geisenheim nach Davis
Die berühmteste Schweizer Rebsorte kommt allerdings aus Deutschland. Hermann Müller aus Tägerwilen im Thurgau kreuzte 1882 an der Lehranstalt Geisenheim im Rheingau Riesling mit Madeleine Royale; lange hielt man Silvaner für den Vater, bis DNA-Analysen die Mutter der Sorte zurechtrückten. Der Müller-Thurgau, in der Deutschschweiz lange als Riesling-Silvaner verkauft, ist seither die meistgepflanzte weisse Sorte der Deutschschweiz. Geisenheim, gegründet 1872 und seit 2013 eine eigene Hochschule, ist das deutsche Gegenstück zu Changins. Noch älter ist Klosterneuburg bei Wien: 1860 gegründet, gilt es als älteste Weinbauschule der Welt. Dort kreuzte Fritz Zweigelt 1922 Blaufränkisch mit St. Laurent, und seine Sorte ist heute die meistgepflanzte rote Österreichs.
Zum Angeben am Apéro
Der Müller-Thurgau wurde 1882 in Geisenheim von einem Thurgauer gezüchtet, und der Cabernet Sauvignon entpuppte sich 1997 in Davis als Kind von Cabernet Franc und Sauvignon Blanc.
Über dem Atlantik hat die University of California in Davis den Weinbau vermessen. Albert Winkler und Maynard Amerine teilten Kalifornien in den Vierzigerjahren nach Wärmesummen in fünf Klimazonen ein, ein System, das Winzer weltweit noch heute zitieren. Und in den Neunzigerjahren wurde Davis zum Genlabor der Rebe: Carole Meredith und ihr Team bewiesen 1997 mit DNA-Profilen, dass Cabernet Sauvignon ein Kind von Cabernet Franc und Sauvignon Blanc ist, zwei Jahre später, dass Chardonnay, Gamay und ein Dutzend weitere Sorten von Pinot und der unscheinbaren Gouais Blanc abstammen. Die Stammbäume der Rebsorten in diesem Weinwissen gehen auf diese Arbeit zurück.
Zwei Schulen, zwei Epochen
In Frankreich stehen zwei Schulen für zwei Epochen. Montpellier wurde im 19. Jahrhundert zur Schule der Reblaus-Zeit, wo man lernte, europäische Reben auf amerikanische Wurzeln zu pfropfen, und wo später Pierre Galet die Rebsortenkunde zur Wissenschaft machte. Bordeaux war im 20. Jahrhundert die Schule des Kellers: Jean Ribéreau-Gayon und Émile Peynaud erklärten dort die Gärung und die Reifung, und ihr Institut heisst heute ISVV. Australien schliesslich bildet seit 1883 in Roseworthy bei Adelaide aus, heute am Waite-Campus der Universität, neben dem Forschungsinstitut, das die Schraubverschluss-Revolution wissenschaftlich begleitete. Das Diplom an der Kellerwand verrät also oft mehr über den Wein, als man denkt.
