An einem Sonntag in Canelones steigt der Rauch früh auf: Der Asado, Rindfleisch und Würste über langsamer Glut, ist das nationale Ritual, und das Glas daneben ist Tannat. Das Departement nördlich von Montevideo, um Las Piedras, Progreso und Juanicó, ist das Weinherz Uruguays. Rund 4 000 Hektaren Reben stehen hier (2020), knapp zwei Drittel der rund 6 000 Hektaren des Landes, zwischen sanften Hügeln und Gemüsegärten eine halbe Stunde von der Hauptstadt. Uruguay ist klein: Alle seine Rebberge zusammen sind nicht halb so gross wie die der Schweiz mit ihren rund 14 500 Hektaren, und fast jede Bodega ist ein Familienbetrieb.
Ein atlantischer Rebberg
Canelones liegt auf 34 bis 35 Grad südlicher Breite, ein wenig südlich von Stellenbosch und von Mendoza, doch sonst gleicht sich nichts. Mendoza ist eine Wüste hinter den Anden; Canelones liegt offen zum Atlantik und zum Río de la Plata, mit rund 1 000 bis 1 200 Millimetern Regen im Jahr, feuchten Sommern und einer steten Meeresbrise, die die Reben durchlüftet. Die Böden sind schwer, tonreich und fruchtbar, nichts wie der Kies des Médoc bei Bordeaux. Dies ist ein maritimes Weinland, und so schmeckt es auch: moderater Alkohol, frische Säure, Rotweine, die selten in Marmelade kippen.
Im Glas
Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.
| Rebsorte | Süsse | Säure | Tannin | Körper |
|---|---|---|---|---|
| Albariño | trocken | mittel(+) bis hoch | weiss, ohne Tannin | mittel(−) bis mittel |
| Sauvignon Blanc | trocken | mittel(+) bis hoch | weiss, ohne Tannin | mittel(−) bis mittel |
| Chardonnay | trocken | mittel bis hoch | weiss, ohne Tannin | mittel(−) bis voll |
| Merlot | trocken | mittel(−) bis mittel | mittel(−) bis mittel(+) | mittel bis voll |
| Cabernet Franc | trocken, auch halbtrocken | mittel(+) bis hoch | mittel(−) bis mittel(+) | mittel(−) bis mittel(+) |
Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche. Umrandet: ein süsser Stil neben den trockenen Weinen.
Der Baske und seine Rebe
Die Traube kam mit einem Basken. Pascual Harriague, 1819 in Hasparren im französischen Baskenland geboren, betrieb in Salto am Río Uruguay eine Fleischsalzerei und pflanzte dort in den 1870er-Jahren Tannat, die Traube des Madiran. Sie schlug an: In Uruguay heisst sie auch Harriague, und sie ist die Nationalsorte, mit rund 1 600 Hektaren etwa ein Viertel der Reben des Landes; nur Frankreich baut mehr Tannat an. Tannat gehört zu den gerbstoffreichsten Sorten der Welt; im Madiran gibt sie dunkle, herbe Weine, die Jahre brauchen. Uruguays Versionen sind meist weicher: reifere Frucht, Brombeere und Pflaume, vom Meeresklima und sorgfältiger Kellerarbeit gerundete Tannine, vom frischen jungen Roten bis zur im Barrique gereiften Reserva.
Grössenvergleich
4 000 ha Canelones hat rund 28 % der Schweizer Rebfläche.
Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.
Nicht nur Tannat
Tannat ist nicht allein. Die Familie Bouza mit galicischen Wurzeln pflanzte Anfang der 2000er-Jahre Albariño, und die Sorte ist zum aufstrebenden Weissen Uruguays geworden, salzig und frisch in der Atlantikluft; Merlot und Cabernet Franc gehen in Cuvées mit Tannat, Sauvignon Blanc und Chardonnay geben die knackigen Weissen. Die Kellereien sind Familienbetriebe, viele von italienischen und spanischen Einwanderern gegründet: Pizzorno seit 1910, Pisano in Progreso, das alte Gut Juanicó, heute von der Familie Deicas geführt, und Bouza am Rand von Montevideo. Das neuste Kapitel wird weiter östlich geschrieben, in Maldonado an der Atlantikküste, wo Granitböden und Meeresbrise neue Güter wie Garzón angezogen haben. Am Tisch will Tannat Fett und Eiweiss: Asado, Lamm vom Grill, Hartkäse, bei 16 bis 18 Grad und am besten dekantiert; Albariño bei 8 bis 10 Grad zu Fisch und Meeresfrüchten der Küste.