Der Dry January begann 2013 in Grossbritannien als Kampagne der Organisation Alcohol Concern; ein Jahrzehnt später stehen in den Regalen der Schweizer Grossverteiler alkoholfreie «Weine» aus Spanien, Deutschland und der Schweiz, und immer mehr Bars schenken einen alkoholfreien Schaumwein glasweise aus. Die Kategorie ist klein, aber sie ist die am schnellsten wachsende Ecke des Getränkehandels. Die Frage ist, ob das, was im Glas ist, noch Wein ist.

Wie der Alkohol herauskommt

Technisch beginnt es als Wein: vergorener Traubensaft, dem der Alkohol nachträglich entzogen wird. Drei Verfahren dominieren. Die Vakuumdestillation senkt den Siedepunkt, sodass der Alkohol bei rund 30 °C statt 78 °C verdampft, was die Aromen schont; die Schleuderkegelkolonne (spinning cone) tut dasselbe in einem dünnen Film über rotierende Kegel; die Umkehrosmose presst den Wein durch eine Membran, die Alkohol und Wasser durchlässt und den Rest zurückhält, und verdünnt dann mit Wasser. Ein guter Teil der Aromen geht mit dem Alkohol, deshalb fangen die Hersteller sie auf und geben sie zurück.

Zum Angeben am Apéro

Ein Riesling Kabinett von der Mosel hat kaum 8 Volumenprozent: Der leichteste «Low-Alcohol»-Wein wurde lange vor dem Labor erfunden.

Das Gesetz folgt dem Alkohol. In der Schweiz wie in der EU darf ein Getränk «alkoholfrei» heissen, wenn es höchstens 0,5 Volumenprozent enthält. Die EU-Weinmarktregeln von 2021 schufen zwei weitere Kategorien: «entalkoholisierter» Wein mit höchstens 0,5 % und «teilweise entalkoholisierter» Wein mit mehr als 0,5 %, aber weniger als dem Minimum seiner Kategorie; Weine mit geschützter Herkunft dürfen nur teilweise entalkoholisiert werden. Die Schweiz hat ihre eigenen Weinregeln, also lesen Sie die Etikette.

Warum es oft dünn schmeckt

Warum schmeckt es so oft dünn? Alkohol gibt dem Wein Körper, Wärme und eine Spur Süsse, und er trägt die Aromen in die Nase; nimmt man ihn heraus, kann ein Roter nach kaltem Tee schmecken. Schaumwein leidet am wenigsten, weil Kohlensäure und ein wenig Zucker die Lücke füllen, und er ist der Stil, der sich am besten verkauft. Weisse aus aromatischen Sorten, Muskateller und Riesling voran, kommen an zweiter Stelle; kräftige Rotweine bleiben der schwierigste Fall.

Die Alternative aus dem Keller

Die Alternative liegt seit hundert Jahren im Keller. Ein Riesling Kabinett von der Mosel hat 7,5 bis 8,5 Volumenprozent und ein langes Leben; Moscato d’Asti rund 5,5 %; Vinho Verde und viele Schweizer Chasselas bleiben um 11 % stehen. Wenig Alkohol, und die Trauben machen die Arbeit: für alle, die einen leichteren Abend wollen, ohne Labor.