Ein englischer Weinhändler in Paris, ein Anwalt, der im Napa Valley sein Glück als Winzer versucht, und sein Sohn mit Surferfrisur: «Bottle Shock» (2008) erzählt die Vorgeschichte der berühmtesten Blinddegustation der Weingeschichte als sonnige Komödie. Alan Rickman spielt Steven Spurrier, der in seiner Pariser Weinhandlung auf die Idee kommt, zum 200. Geburtstag der USA kalifornische Weine gegen französische antreten zu lassen. Bill Pullman ist Jim Barrett, Besitzer von Chateau Montelena in Calistoga, Chris Pine sein Sohn Bo.
Was wirklich geschah
Was wirklich geschah: Am 24. Mai 1976 degustierten neun französische Juroren im Hotel Intercontinental in Paris blind Chardonnays aus Kalifornien und dem Burgund sowie Cabernets aus Napa und Bordeaux. Beide Male gewann Kalifornien: der Chardonnay 1973 von Chateau Montelena und der Cabernet Sauvignon 1973 von Stag’s Leap Wine Cellars. Einziger anwesender Journalist war George Taber vom Magazin Time; sein kurzer Artikel machte das «Judgement of Paris» zum Mythos und Napa zur Weltregion.
Zum Angeben am Apéro
Steven Spurrier, den Alan Rickman so elegant spielt, fand im Film «kaum ein wahres Wort» und drohte mit einer Klage – die Degustation selbst fand aber wirklich statt, am 24. Mai 1976.
Die Freiheiten des Films
Der Film nimmt sich Freiheiten, und Spurrier selbst war darüber wenig erfreut: Er fand darin «kaum ein wahres Wort» und drohte mit einer Klage. Die grösste Lücke betrifft den Mann, der den Siegerwein tatsächlich gekeltert hat: Miljenko «Mike» Grgich, der kroatischstämmige Kellermeister von Chateau Montelena und spätere Gründer von Grgich Hills, kommt praktisch nicht vor. Auch die dramatische Episode, in der der Chardonnay plötzlich braun wird und wieder aufklart, ist Kino: «bottle shock» oder «bottle sickness» bezeichnet die vorübergehende Verschlossenheit eines Weins kurz nach der Abfüllung oder nach einem Transport, nicht eine Verfärbung. Und degustiert wurde drinnen, an weiss gedeckten Tischen, nicht im Garten.
Der Übermut der Neulinge
Trotzdem lohnt der Film, weil er ein Gefühl richtig trifft: die Unverschämtheit, mit der ein paar Quereinsteiger in den 1970er-Jahren gegen Jahrhunderte Tradition antraten. Chateau Montelena und Stag’s Leap gibt es noch, und je eine Flasche der beiden Siegerweine steht im Smithsonian in Washington. Für das eigene Glas: Ein Chardonnay aus kühlen Lagen Kaliforniens, mit wenig neuem Holz ausgebaut, kann noch heute neben einem Meursault bestehen – am besten blind, wie 1976.
