Barbaresco war in den 1960er-Jahren ein Dorf mit tausend Einwohnern und einem Wein, der im Schatten des Barolo stand und meist anonym an Händler verkauft wurde. Angelo Gaja, 1940 hier geboren, hatte in Alba Önologie und in Turin Wirtschaft studiert und trat 1961 in den Betrieb ein, den sein Urgrossvater Giovanni 1859 gegründet hatte. Sein Vater Giovanni hatte bereits das Richtige getan: eigene Rebberge gekauft und nur eigene Trauben verarbeitet. Angelo tat das Unerhörte. Er reduzierte die Erträge drastisch, schnitt im Sommer grüne Trauben weg, damit die übrigen reifer würden, und füllte 1967 den Sorì San Lorenzo als ersten Barbaresco aus einer einzigen Lage ab. Sorì Tildìn folgte 1970, Costa Russi 1978.

Barrique und Darmagi

Aus Frankreich brachte er die Barrique mit, das kleine Eichenfass, das im Piemont als Verrat an den grossen alten Fässern galt, und 1978 pflanzte er auf einer Parzelle vor dem Haus Cabernet Sauvignon, dort, wo Nebbiolo gestanden hatte. Sein Vater soll beim Anblick der jungen Reben nur «darmagi» gesagt haben, piemontesisch für «wie schade». Angelo nannte den Wein, der 1982 erstmals erschien, genau so. Die Preise, die er für seine Weine verlangte, lagen bald auf dem Niveau der grossen Bordeaux, und er verteidigte sie mit einem Argument, das Italien damals fremd war: Wer das Beste will, muss das Beste bezahlen.

Zum Angeben am Apéro

Als Angelo Gaja 1978 im Barbaresco Cabernet Sauvignon pflanzte, seufzte sein Vater «darmagi», piemontesisch für «wie schade». Angelo nannte den Wein so.

Der Streit von 1996

Der grösste Streit kam 1996. Gaja nahm seine drei Einzellagen aus der Barbaresco DOCG und füllte sie als Langhe Nebbiolo DOC, weil er ihnen einen kleinen Anteil Barbera beimischen wollte, was die Regeln des Barbaresco verboten. Es war auch ein Statement: Der Name Gaja sollte mehr zählen als die Herkunftsbezeichnung. Siebzehn Jahrgänge lang blieb es dabei. Mit dem Jahrgang 2013 kehrten Sorì San Lorenzo, Sorì Tildìn und Costa Russi als reinsortiger Nebbiolo in die Barbaresco DOCG zurück, ein Schritt, den seine Tochter Gaia mit angestossen hatte, die heute mit ihren Geschwistern Rossana und Giovanni das Haus führt.

Über den Apennin

In den 1990er-Jahren expandierte Gaja in die Toskana: 1994 kaufte er Pieve Santa Restituta in Montalcino für Brunello, 1996 gründete er Ca’ Marcanda in Bolgheri, wo die Bordeaux-Sorten zu Hause sind. Was bleibt, ist mehr als eine Marke. Gaja zwang das Piemont, über Lagen, Erträge und Preise nachzudenken, und ebnete den Weg für die Barolo-Boys und die Renaissance des Nebbiolo. Wer heute in einem Zürcher Restaurant einen Barbaresco aus einer einzelnen Lage bestellt, ohne dass das jemanden überrascht, hat ihm etwas zu verdanken.