Sassicaia heisst «steiniger Ort», und die Geschichte beginnt mit einem Mann, der eigentlich Rennpferde züchtete. Marchese Mario Incisa della Rocchetta hatte in seiner Jugend in Piemont Bordeaux getrunken und wollte auf dem Gut seiner Frau in Bolgheri, einer damals für Wein belanglosen Ecke der toskanischen Küste, einen solchen Wein machen. 1944 pflanzte er Cabernet Sauvignon, Stecklinge, die der Überlieferung nach von Château Lafite stammten, auf einem steinigen Hang, der ihn an das Médoc erinnerte. Zwanzig Jahre lang blieb der Wein in der Familie, wurde in der Kellerei getrunken und von Gästen meist für zu herb befunden.
Die Wende kam über die Verwandtschaft
Der Wendepunkt kam über die Verwandtschaft. Der Marchese war mit den Antinori verschwägert, und Piero Antinori schickte seinen Önologen Giacomo Tachis nach Bolgheri. Tachis brachte Barriques, Temperaturkontrolle und malolaktische Gärung mit, und der Jahrgang 1968 war der erste, der 1971 verkauft wurde. 1978 lud die englische Zeitschrift Decanter in London zu einer Blinddegustation von Cabernets aus elf Ländern, und der Sassicaia 1972 gewann. Italien hatte plötzlich einen Wein, der mit Bordeaux konkurrierte.
Zum Angeben am Apéro
Sassicaia ist der einzige Wein Italiens mit einer eigenen DOC für ein einziges Gut: Bolgheri Sassicaia, seit 2013 unabhängig, nachdem er jahrzehntelang nur «Tafelwein» heissen durfte.
Ein Tafelwein wider Willen
Nur durfte er sich nicht so nennen. Das italienische Weingesetz kannte in Bolgheri keine Herkunftsbezeichnung für Rotwein, und Cabernet war keine zugelassene Sorte, also stand auf dem Etikett «vino da tavola», Tafelwein, die unterste Stufe. Die Weinpresse erfand dafür den Begriff Supertoskaner, der bald auch für Tignanello von Antinori und andere Weine galt, die das Regelwerk des Chianti umgingen. Der Gesetzgeber zog nach: 1994 erhielt Sassicaia innerhalb der DOC Bolgheri eine eigene Unterzone, 2013 wurde Bolgheri Sassicaia eine eigenständige DOC, bis heute die einzige Italiens für ein einziges Gut.
Der Wein ist bis heute eine Assemblage aus rund 85 Prozent Cabernet Sauvignon und 15 Prozent Cabernet Franc, gereift in französischen Barriques. 2018 setzte Wine Spectator den Jahrgang 2015 auf Platz eins seiner Top 100. Die Familie führt das Gut weiter, und ihr Rennstall brachte nebenbei Ribot hervor, eines der berühmtesten Rennpferde des 20. Jahrhunderts.
Cabernet mit Meerluft
Für das Glas: Sassicaia ist Cabernet mit Meeresluft, kühler und würziger als Napa, schlanker als viele Bordeaux. Wer das Rezept günstiger probieren will, greift zum Bolgheri DOC eines Nachbarn oder zum Zweitwein des Hauses, Guidalberto. Und wer wissen will, wie Cabernet Sauvignon in den Alpen schmeckt, findet ihn in kleinen Mengen im Tessin, meist in Assemblage mit Merlot.
