Jeden Herbst werden auf der Coulée de Serrant an der Loire Kuhhörner mit Mist gefüllt und im Rebberg vergraben; im Frühling gräbt man sie aus, rührt den Inhalt eine Stunde lang in Wasser, abwechselnd im und gegen den Uhrzeigersinn, und spritzt ihn in homöopathischer Dosis auf den Boden. Nicolas Joly arbeitet seit Anfang der 1980er-Jahre so und hat Bücher darüber geschrieben. Seine Nachbarn lachten einst. Heute wirtschaften die Domaine de la Romanée-Conti, die Domaine Leroy, Chapoutier an der Rhône und Zind-Humbrecht im Elsass genauso, und eine stattliche Zahl Schweizer Güter ebenfalls.

Acht Vorträge in Koberwitz

Die Methode geht auf Rudolf Steiner zurück, den österreichischen Begründer der Anthroposophie, der im Juni 1924 in Koberwitz bei Breslau acht Vorträge über Landwirtschaft hielt. Er sah den Hof als lebendigen Organismus in den Rhythmen des Kosmos. Aus den Vorträgen entstanden die Präparate, nummeriert von 500 bis 508: Hornmist (500) und Hornkiesel (501), auf Boden und Blätter gespritzt, sechs Kompostpräparate von Schafgarbe bis Baldrian und Schachtelhalmtee gegen Pilze. Die Marke Demeter für biodynamische Erzeugnisse stammt aus dem Jahr 1928. Maria Thuns Aussaatkalender, ab den 1960er-Jahren, ergänzte Wurzel-, Blatt-, Blüten- und Fruchttage nach dem Lauf des Mondes durch die Sternbilder.

Zum Angeben am Apéro

Biodynamische Winzer vergraben im Herbst mit Kuhmist gefüllte Kuhhörner im Rebberg und graben sie im Frühling wieder aus; die Domaine de la Romanée-Conti tut das auch.

Die Weinwelt bekehrte sich in zwei Wellen: eine Handvoll französischer Pioniere um Joly in den 1980er-Jahren, dann die grossen Namen in den 1990er- und 2000er-Jahren, als Lalou Bize-Leroys Burgunder zeigten, was die Rebberge hergeben können. Die Zertifikate heissen Demeter, das französische Biodyvin (1995) und respekt-BIODYN, 2007 von österreichischen, deutschen und Schweizer Winzern gegründet. Im Wallis bewirtschaftet Marie-Thérèse Chappaz in Fully ihre Petite Arvine und ihren Ermitage nach Demeter und ist das bekannteste Beispiel des Landes.

Die Wissenschaft ist geteilt

Wirkt es? Die Wissenschaft ist gespalten. Der kosmische Teil hat keine messbare Grundlage, und kontrollierte Versuche trennen biodynamische selten von gut geführten biologischen Parzellen. Aber die Methode zwingt die Winzerin, ständig durch die Reben zu gehen, verbietet synthetische Spritzmittel und Herbizide und verbessert sichtbar das Bodenleben; die meisten Bekehrten sagen, die Weine schmeckten präziser. Die Skeptiker hatten 2009 ihren Moment, als Tesco und Marks & Spencer Weinkritiker nur noch an «Frucht-» und «Blütentagen» des Kalenders zur Degustation einluden und die Branche wochenlang darüber stritt, ob ein Wein an einem Wurzeltag schlechter schmecken kann.

Ein Logo, kein Geschmack

Fürs Glas: Ein Demeter-Logo verspricht Biolandbau plus Präparate, keinen Geschmack. Degustieren Sie die Weine von Joly, Chappaz oder Leroy und urteilen Sie selbst über den Mond.