In Beaune wird das Datum der Weinlese seit 1354 aufgeschrieben: in Kirchenbüchern, Stadtregistern und Zeitungen, 664 Jahre ohne Lücke. Die Reihe zeigt, dass die Winzer sechs Jahrhunderte lang Ende September ausrückten; seit 1988 beginnen sie im Schnitt rund zwei Wochen früher, und 2003, 2011, 2018 und 2020 gehören zu den frühesten Jahren überhaupt. Kaum ein Datensatz zeigt die Erwärmung Europas so deutlich wie dieser.
Mehr Zucker, weniger Säure
Die Traube reift in einem warmen Jahr schneller: mehr Zucker, also mehr Alkohol; weniger Säure; Aromen von Konfitüre statt frischer Frucht. Bordeaux-Rotweine, die in den 1980er-Jahren 12,5 Volumenprozent hatten, erreichen heute oft 14. Extreme richten mehr Schaden an als Durchschnitte: Die Spätfröste im April 2017 und im April 2021 vernichteten einen grossen Teil der Ernte von der Loire bis in die Waadt und nach Graubünden; Hagel, Dürre und Hitze treffen häufiger; und die Waldbrände von 2020 in Kalifornien und in Australien hinterliessen in den Weinen «smoke taint», eine Aschenbechernote, die kein Filter entfernt.
Zum Angeben am Apéro
Beaune notiert seit 1354 jedes Jahr sein Erntedatum: Seit 1988 beginnen die Winzer rund zwei Wochen früher als in den sechs Jahrhunderten davor.
Die Karte wandert
Die Karte verschiebt sich. Champagnerhäuser haben in Südengland gepflanzt: Taittinger auf der Domaine Evremond in Kent, Vranken-Pommery in Hampshire, und englischer Schaumwein aus Sussex und Kent gewinnt heute Blinddegustationen. Die Winzer steigen höher: Im Wallis reichen die Terrassen von Visperterminen auf rund 1 150 Meter, so hoch wie kaum ein Rebberg in Europa, und neue Anlagen in den Alpen klettern mit jedem Jahrzehnt weiter hinauf. Klassische Appellationen ändern ihre Regeln: Seit 2021 dürfen Bordeaux und Bordeaux Supérieur versuchsweise sechs neue Sorten pflanzen, darunter die portugiesischen Touriga Nacional und Alvarinho und den hitzeliebenden Marselan.
Die andere Antwort wächst in Schweizer Rebschulen. PIWI-Sorten (pilzwiderstandsfähig) sind Kreuzungen, die wenig oder gar keine Spritzungen gegen Pilze brauchen, was umso mehr zählt, je häufiger nasse Frühlinge und warme Herbste den Mehltau bringen: Agroscope in Changins gab 2013 den roten Divico und 2018 die weisse Divona frei, beide Kinder von Gamaret und der widerstandsfähigen Bronner. Andernorts beschatten die Winzer die Trauben mit Laub, lesen nachts, pflanzen an Nordhängen oder kehren zu spätreifenden Sorten zurück, die ihre Grosseltern aufgegeben hatten.
Was das für den Jahrgang heisst
Für Leserinnen und Leser: Die Jahrgänge sind weniger ungleich als früher, die Roten sind üppiger, und die Klassiker der kühlen Lagen, Mosel-Riesling, Champagner, Schweizer Pinot Noir, müssen nicht mehr um die Reife kämpfen. Wer in den nächsten fünfzig Jahren gewinnt und wer verliert, wird jetzt auf die Karte gezeichnet.
