Was ist eigentlich Wein? Die Antwort steht nicht in einem Wörterbuch, sondern in den Beschlüssen einer Organisation, von der die meisten Weintrinker noch nie gehört haben. Die OIV wurde 1924 in Paris gegründet, als sich nach dem Ersten Weltkrieg acht Weinländer, darunter Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland, auf ein Office international du vin einigten: Es sollte den Handel ordnen, Fälschungen bekämpfen und die Wissenschaft bündeln. 2001 wurde aus dem Büro die Internationale Organisation für Rebe und Wein, eine zwischenstaatliche Organisation mit heute rund 50 Mitgliedstaaten. Die Schweiz gehört dazu. Die USA dagegen traten 2001 aus und machten nicht mit, als die neue Organisation entstand.
Keine Gesetze, aber die Vorlage
Die OIV macht keine Gesetze, aber fast alle Weingesetze schauen bei ihr ab. Ihre Definition legt fest, dass Wein ausschliesslich durch die Gärung frischer Trauben oder frischen Traubenmosts entsteht. Ihr Internationaler Kodex der önologischen Praktiken sagt, was im Keller erlaubt ist, vom Schwefel bis zur Entalkoholisierung, und ihr Kompendium der Analysemethoden ist das Handbuch der Kontrolllabore, auch der Schweizer Kantonschemiker. Die EU übernimmt ihre Beschlüsse weitgehend, die Schweiz richtet ihre Weinverordnung daran aus. Dazu veröffentlicht die OIV jedes Jahr die Zahlen der Weinwelt: Die Welt produziert rund 230 bis 260 Millionen Hektoliter im Jahr, je nach Frost und Hitze; die Schweiz steuert knapp ein Prozent davon bei und trinkt rund dreimal so viel, wie sie erzeugt.
Zum Angeben am Apéro
Ein Wettbewerb unter dem Patronat der OIV darf höchstens 30 Prozent der eingereichten Weine mit einer Medaille auszeichnen; wer grosszügiger ist, verliert das Siegel.
Für Weintrinker am sichtbarsten ist die OIV auf den Medaillen. Internationale Wettbewerbe, vom Concours Mondial de Bruxelles bis zu den grossen Schweizer Prämierungen, lassen sich von der OIV das Patronat erteilen, und das hat seinen Preis: Höchstens 30 Prozent der eingereichten Weine dürfen eine Medaille erhalten, Gold erst ab einer festen Punktzahl, degustiert wird blind nach einem vorgegebenen Bewertungsblatt. Ein Wettbewerb, der grosszügiger ist, verliert das Siegel. Wenn also der Aufkleber auf der Flasche das OIV-Logo trägt, gehört der Wein zumindest zum besten Drittel seines Wettbewerbs.
Bei Decanter gewinnen 85 Prozent der Weine eine Medaille, unter der Regel der OIV höchstens 30 Prozent
Anteil der eingereichten Weine, der an der letzten Ausgabe eine Medaille gewann.
- mit Obergrenze: 30 Prozent (OIV, Schweizer Önologen) oder ein Drittel (Frankreich)
- ohne Obergrenze
- 30 Prozent
- in der Schweiz
Quellen: die Veranstalter; Medaillen aller Stufen geteilt durch die Weine, die der Veranstalter als eingereicht nennt. Merit-Labels und Diplome unter den Medaillen zählen nicht. Veritas zählt seine Brandys mit.
Umzug nach Dijon
2024 feierte die OIV ihr hundertjähriges Bestehen und zog gleichzeitig um: von Paris nach Dijon, in das renovierte Hôtel Bouchu d’Esterno, eingeweiht während des Weltkongresses im Oktober 2024. Burgund hatte sich gegen Bordeaux und Reims durchgesetzt, was in Frankreich fast so heftig diskutiert wurde wie ein Jahrgang. Die Schweiz hat an all dem eine Stimme, meist eine für strenge Definitionen. Das nächste Mal, wenn auf einer Flasche «Wein» steht, wissen Sie, wer das Wort bewacht.
