Im Minho hängen die Reben über der Strasse. Sie klettern an Granitpfeilern in Pergolen, die ramadas, ranken an Platanen und Pappeln hoch, die vinha de enforcado, und säumen Maisfelder und Kohlgärten. So wuchsen die Trauben über dem feuchten Boden, im Wind, in einem der regenreichsten Winkel Europas: Oft fallen über 1 200 Millimeter im Jahr. Die Böden sind fast überall Granit, wie jenseits des Grenzflusses Minho in den Rías Baixas. Die rund 16 000 Hektaren der Region teilen sich rund 20 000 Rebbauern und neun Subregionen: Monção e Melgaço, Lima, Cávado, Ave, Basto, Sousa, Amarante, Baião und Paiva. Abgegrenzt wurde die Region 1908, als eine der ersten Regionen des Landes nach dem Douro; die Weinbaukommission CVRVV mit Sitz in Porto besteht seit 1926.

Grün heisst jung

«Verde» meint nicht die Farbe, sondern das Alter: Vinho Verde ist Jungwein, wenige Monate nach dem Wümmet gefüllt und bald getrunken. Der klassische Weisse hat 8,5 bis 11 Prozent Alkohol, viel Säure und ein leichtes Prickeln. Früher entstand es von selbst, wenn der Wein den biologischen Säureabbau in der Flasche nachholte; heute setzen die meisten Keller die Kohlensäure vor dem Füllen zu. Der Loureiro, «Lorbeer», bringt Limette und Blüten und fühlt sich nahe am Atlantik und im Lima-Tal am wohlsten; Arinto, hier Pedernã genannt, bringt Säure, Trajadura rundet die Verschnitte ab, Avesso aus Baião und Amarante im Landesinnern gibt Pfirsich und Körper, Azal Zitrusfrische.

Im Glas

Die Rebsorte, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.

RebsorteSüsseSäureTanninKörper
Albariñotrockenmittel(+) bis hochweiss, ohne Tanninmittel(−) bis mittel

Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche.

Alvarinho am Grenzfluss

Ganz im Norden, in Monção e Melgaço am Minho, wächst der Alvarinho, dieselbe Traube wie der Albariño am anderen Ufer. Das Tal ist von Bergen gegen den Atlantik abgeschirmt, wärmer und trockener, und der Wein ist ein anderer: reinsortig, 11,5 bis 14 Prozent, mit Pfirsich, Grapefruit und Mandarine, kräftig genug für Jahre im Keller. Monção e Melgaço erhielt als erste der neun Subregionen ein eigenes Garantiesiegel. Der rote Vinhão schliesslich, die wichtigste rote Sorte, ist fast violett, säurereich und tanninbetont; in den Tascas des Minho schenkt man ihn kühl aus weissen Keramikschalen, den malgas, deren Weiss die Farbe leuchten lässt.

Grössenvergleich

16 000 ha Vinho Verde hat rund 1,1× so viele Reben wie die ganze Schweiz.

Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.

Rebflächen im Vergleich

  1. Douro40 000 ha
  2. Alentejo20 000 ha
  3. Vinho Verde16 000 ha

Rebfläche in Hektaren, gerundet, nach den Angaben der Artikel. Regionen ohne verlässliche Flächenangabe fehlen.

Die Hälfte geht ins Ausland

Vinho Verde ist ein Exportwein: Ende der 2010er-Jahre ging mehr als die Hälfte des Umsatzes ins Ausland, vor allem in die USA und nach Deutschland. Auch die Schweiz zählt seit Langem zu den wichtigen Abnehmern. Schon im 14. Jahrhundert verliess Wein aus dieser Region die Häfen des Nordens, laut der Weinbaukommission der erste exportierte Wein Portugals.

Zu Sardinen und Bacalhau

Zum Trinken: den leichten Weissen gut gekühlt bei 8 bis 10 Grad zu grillierten Sardinen, Bacalhau, Muscheln, Caldo verde oder Sushi; einen Alvarinho bei 10 bis 12 Grad zu gebratenem Fisch oder Poulet; den Vinhão kühl zu Chouriço und fettem Schweinebraten.