Im Jahr 1826 setzte die Landwirtschaftsgesellschaft von New South Wales eine kleine Goldmedaille für den besten Wein der Kolonie aus: mindestens zehn Gallonen, unter Eid als reiner Traubensaft des Jahrgangs beglaubigt. Sydney prämiert Wein noch zweihundert Jahre später, und bis 1961 zahlte seine Schau auch Preisgelder; dann blieb sie bei Gold, Silber und Bronze. Heute fliesst das Geld in die andere Richtung. Bei einem Weinwettbewerb zahlen die Teilnehmer: eine Gebühr für jeden Wein, drei Flaschen davon und, wenn er gewinnt, die Kleber. Wie viele Wettbewerbe es gibt, hat niemand gezählt. Die OIV, die zwischenstaatliche Organisation des Weins, nannte 2015 rund dreissig im Jahr, die unter ihrem Patronat stehen.
In London werden mehr Weine verkostet als irgendwo sonst
26 Wettbewerbe und die Weine ihrer letzten Ausgabe, nach der Stadt, in der sie verkosten: zusammen 90 049 Weine.
Die Welt
Europa, vergrössert
- in der Schweiz
- anderswo
- Fläche: Zahl der Weine
Quellen: die Veranstalter, letzte Ausgabe (2025 oder 2026); Mundus Vini (Frühjahrsverkostung) und IWSC nach der Fachpresse, Decanter aus seinen veröffentlichten Anteilen. Der Concours Mondial de Bruxelles verkostet jedes Jahr in einer anderen Stadt. Die International Wine Challenge und die Berliner Wein Trophy nennen keine Gesamtzahl.
London, Paris, Siders
Die Landkarte der grossen Wettbewerbe ist vor allem eine Karte Europas, und ihre Hauptstadt ist London. Bei den Decanter World Wine Awards, die das gleichnamige Magazin ausrichtet, verkosteten 245 Juroren im Jahr 2026 fast 17 000 Weine aus 58 Ländern, mehr als bei jedem anderen Wettbewerb; auch die International Wine & Spirit Competition und die International Wine Challenge urteilen in London. Paris hat den Concours Général Agricole für französische Weine, und der Concours Mondial de Bruxelles reist: 2025 nach Yinchuan in China, 2026 nach Jerewan. Das Zentrum der Schweiz ist Siders. Dort verkostet der Verein Vinea den Mondial des Pinots, den Mondial du Merlot und mit dem Magazin Vinum den Grand Prix du Vin Suisse, 2026 mit 2 844 Schweizer Weinen. In Übersee prämieren die Landwirtschaftsschauen von Sydney und Melbourne nur australischen Wein.
Zum Angeben am Apéro
Bei einem Weinwettbewerb bezahlen die Teilnehmer den Preis selbst: 140 bis 200 Franken pro Wein, die Kleber extra. Bei Decanter gingen 2026 fünf von sechs Weinen mit einer Medaille nach Hause.
Wer am Tisch sitzt
Wer reicht ein? Vor allem Weingüter und Genossenschaften, deren Flasche im Regal auffallen soll: Zum Concours Mondial schickte Frankreich 2026 insgesamt 1 183 Weine, Italien 1 098 und Portugal 789. Wer urteilt? Winzerinnen, Önologen, Sommeliers, Händler und Journalistinnen. Die 2025 überarbeiteten Richtlinien der OIV beschreiben eine faire Jury: mindestens fünf Degustierende, empfohlen sind sieben, höchstens die Hälfte aus dem Gastland, mindestens ein Önologe, höchstens 45 Weine am Tag, jede Flasche verhüllt. Unter ihrem Patronat dürfen höchstens 30 Prozent der eingereichten Weine eine Medaille gewinnen, Gold ab 89 von 100 Punkten, Grosses Gold ab 93; das französische Recht erlaubt ein Drittel.
Sieben Stühle, 45 Gläser: eine Jury nach den Regeln der OIV
Die Richtlinien von 2025: mindestens fünf Juroren, empfohlen sind sieben, höchstens die Hälfte aus dem Gastland, mindestens ein Önologe. Jeder verkostet höchstens 45 Weine am Tag, in drei Serien zu rund 15, blind und schweigend.
Ein Tag eines Jurors
- aus dem Gastland, höchstens die Hälfte
- aus anderen Ländern
- Önologe oder Önologin
- Decanter 2026: 245 Juroren aus 35 Ländern, darunter 63 Masters of Wine
- Concours Mondial de Bruxelles 2025: 375 Juroren aus 56 Ländern
- Mondial du Chasselas 2026: 86 Juroren, 38 aus dem Ausland
- Sakura 2026: 430 Jurorinnen, nur Frauen
Quellen: OIV, Richtlinien für internationale Wettbewerbe (OIV-OENO 671A-2025); die Veranstalter.
Was eine Medaille kostet
Ein Wein kostet beim Grand Prix du Vin Suisse 140 Franken Anmeldung, beim Mondial des Pinots 170, beim Concours Mondial 205 Euro und bei Decanter 172 Pfund, dazu die Mehrwertsteuer, wo sie anfällt: Allein bei Decanter kommen so fast 2,9 Millionen Pfund an Gebühren zusammen. Die Kleber kosten extra, ein paar Cent das Stück: Die AWC Vienna verlangt 25 Euro für eine Rolle mit 1 000, und die New Zealand International Wine Show verrechnet jedem Goldgewinner 250 neuseeländische Dollar. Preisgeld zahlt keiner dieser Wettbewerbe. Was eine Medaille wert ist, hängt davon ab, wie viele es gibt. Bei Decanter gewannen 14 168 Weine im Jahr 2026 eine, etwa fünf von sechs. Wo eine Obergrenze gilt, zahlen die Teilnehmer pro Medaille 270 bis 630 Franken an Gebühren, bei Decanter 222.
Bei Decanter gewinnen 85 Prozent der Weine eine Medaille, unter der Regel der OIV höchstens 30 Prozent
Anteil der eingereichten Weine, der an der letzten Ausgabe eine Medaille gewann.
- mit Obergrenze: 30 Prozent (OIV, Schweizer Önologen) oder ein Drittel (Frankreich)
- ohne Obergrenze
- 30 Prozent
- in der Schweiz
Quellen: die Veranstalter; Medaillen aller Stufen geteilt durch die Weine, die der Veranstalter als eingereicht nennt. Merit-Labels und Diplome unter den Medaillen zählen nicht. Veritas zählt seine Brandys mit.
Je seltener die Medaille, desto teurer
Was die Anmeldung eines Weins kostet (Punkt) und was die Teilnehmer an Gebühren für jede vergebene Medaille zahlen (Ring), in Franken ohne Mehrwertsteuer.
Gebühr und Preis pro Medaille
Nur die Gebühr: keine Medaillenzahl veröffentlicht
- Gebühr für einen Wein
- Gebühren pro Medaille
- mit Obergrenze: 30 Prozent (OIV, Schweizer Önologen) oder ein Drittel (Frankreich)
- ohne Obergrenze
Quellen: Anmeldeformulare der Veranstalter für einen Wein, umgerechnet zum Monatsmittel der SNB vom September 2026. Pro Medaille: die Gebühr geteilt durch den Anteil der Weine mit Medaille. Ohne Versand, Flaschen und Kleber. Melbourne: Gebühr 2026, Medaillen 2025; San Francisco und Sakura: Gebühr für 2027.
Glück, Preis und der Kleber
Bedeuten Medaillen etwas? 2009 verfolgte der Statistiker Robert Hodgson 2 440 Weine, die an mehr als drei amerikanischen Wettbewerben angetreten waren: 47 Prozent gewannen irgendwo Gold, und 84 Prozent davon gingen anderswo leer aus. Christopher Bitter fand 2017, dass Goldgewinner in zwei führenden Magazinen nicht höher bewertet wurden als andere Medaillengewinner. Und doch verkaufen Medaillen. Wer sich wenig für Wein interessiert, verlässt sich stärker auf sie als Kenner, zeigten Larry Lockshin und seine Kollegen 2006, und in Bordeaux massen Emmanuel Paroissien und Michael Visser 2020, dass ein Produzent nach einer Medaille vom Handel 13 Prozent mehr verlangen kann. Sie fanden auch, welche Medaillen der Qualität folgen: die alter Wettbewerbe, deren Juroren wenige Weine am Tag degustieren. Lesen Sie den Kleber also wie eine Etikette: Wer hat ihn vergeben, in welchem Jahr, und an wie viele andere?
