In Baalbek, am Nordende der Bekaa, bauten die Römer eine der grössten Tempelanlagen ihres Reiches, und ihr am besten erhaltenes Gebäude ist der Bacchustempel, in dessen Stein Reben und Trauben gemeisselt sind. Der Wein hier ist noch älter: Die Phönizier verschifften ihn von der libanesischen Küste aus übers Mittelmeer, und in Tell el-Burak südlich von Sidon wurde eine Weinkelter aus dem 7. Jahrhundert vor Christus ausgegraben und 2020 vorgestellt. Die Bekaa ist eher eine Hochebene als ein Tal, rund 120 Kilometer lang und 16 breit, zwischen dem Libanon-Gebirge und dem Antilibanon, der Talboden auf 900 bis 1 100 Metern.

Sonne, Schnee und tausend Meter

Der Mechanismus ist die Höhe. Das Libanon-Gebirge fängt den Regen vom Meer ab, also hat die Ebene lange trockene Sommer, rund 300 Sonnentage und kalte Nächte; die Winter bringen Regen und Schnee, die die Quellen und den Litani speisen. Der Talboden liegt etwa so hoch wie die obersten Rebberge von Visperterminen im Wallis, die mit rund 1 150 Metern zu den höchsten Europas gehören; hier ist das die normale Lage. Die Trauben reifen voll und behalten doch ihre Säure, und die französischen Rebsorten sind gut gediehen: der Cinsault, den die Jesuiten im 19. Jahrhundert brachten, Carignan und Grenache, dann der Cabernet Sauvignon aus Bordeaux und, seit den 1990er-Jahren verbreitet, Merlot und der Syrah der Rhône. Chardonnay und Sauvignon Blanc stehen neben den einheimischen weissen Obeidi und Merwah, die lange vor allem zu Arak gebrannt wurden und heute immer öfter zu Wein werden.

Im Glas

Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.

RebsorteSüsseSäureTanninKörper
Cabernet Sauvignontrockenmittel bis hochmittel(+) bis hochmittel bis voll
Syrahtrockenmittel bis mittel(+)mittel bis hochmittel bis voll
Grenachetrocken, auch süssniedrig bis mittelniedrig bis mittelmittel bis voll
Merlottrockenmittel(−) bis mittelmittel(−) bis mittel(+)mittel bis voll
Chardonnaytrockenmittel bis hochweiss, ohne Tanninmittel(−) bis voll
Sauvignon Blanctrockenmittel(+) bis hochweiss, ohne Tanninmittel(−) bis mittel

Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche. Umrandet: ein süsser Stil neben den trockenen Weinen.

Jesuiten, ein Fuchs und ein Krieg

Der moderne libanesische Wein beginnt mit den Jesuiten. 1857 gründeten sie bei Zahlé Château Ksara und pflanzten Reben; 1898 führte sie, so erzählt es das Haus, eine Fuchsjagd zu einer Grotte aus römischer Zeit, deren zwei Kilometer lange Gänge heute die Keller von Ksara sind. Ksara ist noch immer das älteste und grösste Weingut des Landes, mit rund 3 Millionen Flaschen im Jahr. 1930 gründete Gaston Hochar Château Musar, mit Kellern in Ghazir nördlich von Beirut und Reben in der Bekaa auf rund 1 000 Metern. Sein Sohn Serge machte durch den Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 hindurch Wein und verlor nur den Jahrgang 1976; der Musar 1967 war die Entdeckung der Bristol Wine Fair 1979. Der rote Musar, vor allem Cabernet Sauvignon, Cinsault und Carignan, reift über Jahrzehnte.

Grössenvergleich

Schweiz

2 500 ha Bekaa-Ebene hat rund 17 % der Schweizer Rebfläche.

Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.

Von fünf Weingütern auf fünfzig

Château Kefraya pflanzte seine Reben 1951 am Fuss des Barouk-Gebirges und machte 1979, mitten im Krieg, seinen ersten Wein; Massaya gründeten 1998 die Brüder Ghosn mit den Bruniers von Vieux Télégraphe; Domaine Wardy und IXSIR gehören zur neuen Welle. Von fünf Produzenten Mitte der 1990er-Jahre ist der Libanon auf rund fünfzig gewachsen. Über neun Zehntel seiner Keltertrauben wachsen in der Bekaa; das Land macht rund 8 bis 9 Millionen Flaschen im Jahr und exportiert ein Drittel, nach Grossbritannien, Frankreich, in die USA und überall dorthin, wo die Diaspora lebt, die vermutlich zahlreicher ist als die Libanesen zu Hause.

Am Tisch gehört der Wein zur Mezze: Hummus, Taboulé, Kibbeh, grilliertes Lamm. Arak, der Anis-Traubenbrand, wird mit Wasser und Eis milchig und eröffnet das Essen; die Rotweine passen bei 16 bis 18 Grad zum Lamm, ein alter Musar eine Stunde vorher dekantiert; ein Weisser aus Obeidi begleitet den Fisch bei 8 bis 10 Grad.