Die Türkische Ägäis reicht von der Küste um Izmir weit ins Landesinnere, die Täler von Gediz und Büyük Menderes hinauf bis zu den Hochebenen von Manisa und Denizli. Keine andere Region der Türkei hat so viele Rebberge, und vor allem ist sie der grosse Traubengarten des Landes: Um Manisa wächst der grösste Teil der Sultaniye, der kernlosen Traube, die die Türkei zu einem der weltweit grössten Exporteure von Sultaninen gemacht hat. An der Küste ist das Klima mediterran, mit heissen, trockenen Sommern und milden, feuchten Wintern; landeinwärts wird es kontinentaler, und auf den Hochebenen, auf 800 Metern und mehr, bewahren kühle Nächte die Säure in den Trauben. Die Böden reichen von tonigem Lehm bis zu Kalk.

Amphoren aus Klazomenai

Die Ägäis ist seit Jahrtausenden Weinland. Klazomenai, die antike Stadt beim heutigen Urla, hatte einen eigenen Amphorentyp, in dem Wein und Olivenöl bis ans Schwarze Meer reisten, und in Teos bei Seferihisar stehen die Reste des grössten Dionysostempels Anatoliens, erbaut um 200 v. Chr. Als die Reblaus im späten 19. Jahrhundert die französischen Rebberge verwüstete, erlebte der Traubenanbau um Izmir einen Aufschwung, bis der Schädling auch Westanatolien erreichte. Das Dorf Şirince in den Hügeln bei Ephesos erinnert an einen späteren Bruch: Seine griechischen Bewohner gingen beim Bevölkerungsaustausch von 1923, und heute ist es für süsse Weine aus Pfirsichen, Brombeeren, Sauerkirschen und anderen Früchten bekannt.

Im Glas

Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.

RebsorteSüsseSäureTanninKörper
Muscattrocken bis edelsüssmittel(−) bis mittelweiss, ohne Tanninleicht bis voll
Syrahtrockenmittel bis mittel(+)mittel bis hochmittel bis voll
Merlottrockenmittel(−) bis mittelmittel(−) bis mittel(+)mittel bis voll
Cabernet Sauvignontrockenmittel bis hochmittel(+) bis hochmittel bis voll
Boğazkeretrockenmittel bis mittel(+)hochmittel(+) bis voll
Öküzgözütrockenmittel(+) bis hochniedrig bis mittel(−)mittel

Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche.

Von Sevilen bis Urla

Heute entsteht hier die ganze Bandbreite des türkischen Weins. Sevilen, 1942 in Izmir gegründet, baut Trauben sowohl nahe der Küste als auch auf der kühleren Hochebene auf rund 900 Metern an. Um Urla, auf der Halbinsel westlich von Izmir, haben kleine Weingüter eine Weinstrasse geschaffen und Urla Karası zurückgebracht, eine rote Sorte, die als verloren galt. Bornova Misketi, der Muskateller aus Bornova in Izmir, ergibt trockene Weine mit Duft nach Rosen und Geissblatt, aber auch süsse. Auf der Hochebene von Çal in Denizli, auf rund 850 Metern, wächst Çalkarası, eine rote Sorte mit heller Farbe, wenig Tannin und guter Säure, die oft zu Rosé gekeltert wird.

Auch internationale Sorten sind verbreitet: Syrah, Merlot, Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Sauvignon Blanc, und mehrere Güter pflanzen zudem Boğazkere und Öküzgözü aus dem Osten. Die Sultaniye selbst wird meist getrocknet oder gegessen, ergibt aber auch leichte, einfache Weissweine.

Zu Gemüse in Olivenöl

Zum Trinken: ein trockener Bornova Misketi zu ägäischem Gemüse in Olivenöl und Wildkräutern; ein Rosé aus Çalkarası zu Meze und grilliertem Oktopus; ein Syrah zu Lammspiessen (Şiş Kebab); ein süsser Muskateller zu getrockneten Feigen oder Nussgebäck.