An einem Sommernachmittag in Healdsburg zeigt das Thermometer über 30 Grad; dreissig Kilometer westlich, in Jenner, wo der Russian River in den Pazifik mündet, ist man froh um einen Pullover. Dieses Gefälle ist Sonoma. Das County westlich von Napa hat rund 24 000 Hektaren Reben, etwa ein Zehntel der kalifornischen Rebfläche und gut ein Viertel mehr als der berühmte Nachbar. Der Motor ist der kalte Pazifik: Nebel strömt durch den Petaluma Gap, eine Lücke in den Küstenhügeln, und an den meisten Abenden das Tal des Russian River hinauf, bis er sich gegen Mittag zurückzieht. Wo er hinreicht, reifen Pinot Noir und Chardonnay langsam; wo die Hügel ihn abhalten, im Alexander Valley und im Dry Creek Valley im Norden, bekommen Cabernet Sauvignon und Zinfandel ihre Wärme.

Neunzehn Namen für ein County

Neunzehn AVAs bilden diese Vielfalt ab. Das Russian River Valley, seit 1983 eine AVA, ist das Herz des kühlen Pinot Noir und Chardonnay, der beiden Sorten, die den Grossteil seiner Rebberge füllen. Die Sonoma Coast und seit 2022 die West Sonoma Coast umfassen die Kämme über dem Ozean; Los Carneros an der San Pablo Bay teilt sich Sonoma mit Napa. Das Dry Creek Valley ist Zinfandel-Land, mit knorrigen, buschförmig erzogenen Stöcken, von denen einige die Prohibition überlebten. Das Alexander Valley, eines der wärmsten, trägt Cabernet Sauvignon und Merlot entlang des Flusses.

Im Glas

Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.

RebsorteSüsseSäureTanninKörper
Pinot Noirtrockenmittel(+) bis hochniedrig bis mittelleicht bis mittel
Zinfandeltrocken, auch süssmittel(−) bis mittelmittel(−) bis mittelmittel bis voll
Cabernet Sauvignontrockenmittel bis hochmittel(+) bis hochmittel bis voll
Merlottrockenmittel(−) bis mittelmittel(−) bis mittel(+)mittel bis voll
Chardonnaytrockenmittel bis hochweiss, ohne Tanninmittel(−) bis voll
Sauvignon Blanctrockenmittel(+) bis hochweiss, ohne Tanninmittel(−) bis mittel

Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche. Umrandet: ein süsser Stil neben den trockenen Weinen.

Russen, Franziskaner und ein Ungar

Die Rebe kam von zwei Seiten. Die Russen von Fort Ross, 1812 gegründet, hatten 1823 tragende Reben und gaben dem Fluss seinen Namen; im selben Jahr gründeten die Franziskaner die Mission von Sonoma, die letzte Kaliforniens, mit einem eigenen Rebberg. Die entscheidende Figur war der Ungar Agoston Haraszthy: Er gründete 1857 Buena Vista, eines der ältesten Weingüter Kaliforniens, und bereiste 1861 im Auftrag des Staates Frankreich, Deutschland, die Schweiz, Spanien und Ungarn, von wo er über 100 000 Stecklinge mitbrachte; viele nennen ihn den Vater des kalifornischen Weinbaus. In Asti im Norden verdankte die Italian Swiss Colony von 1881 ihren Namen einer Handvoll Tessiner unter den ersten Arbeitern und wurde vor der Prohibition zu einem der grössten Produzenten Kaliforniens; von den 256 Weingütern des Countys überlebten die Prohibition weniger als fünfzig.

Grössenvergleich

24 000 ha Sonoma hat rund 1,7× so viele Reben wie die ganze Schweiz.

Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.

Rebflächen im Vergleich

  1. Sonoma24 000 ha
  2. Washington State24 000 ha
  3. Napa Valley18 000–19 000 ha
  4. Oregon18 000 ha

Rebfläche in Hektaren, gerundet, nach den Angaben der Artikel. Regionen ohne verlässliche Flächenangabe fehlen.

Feuer und das lange Spiel

Die jüngere Geschichte datiert man nach Bränden: das Tubbs Fire vom Oktober 2017, das 22 Menschen tötete, das Kincade Fire vom Oktober 2019, das Glass Fire vom September 2020, das von Napa herüberkam. 2014 nahm sich der Verband der Traubenproduzenten vor, jeden Rebberg des Countys von unabhängiger Seite als nachhaltig zertifizieren zu lassen; heute meldet er 99 Prozent der Fläche als zertifiziert.

Der Nebel im Glas

Sonoma-Pinot-Noir ist reifer als ein Burgunder, aber frischer als die meisten kalifornischen Roten: Kirsche, Himbeere und eine würzige Kante, am besten bei 15 bis 16 Grad zu Ente, Lachs oder Pilzrisotto. Zinfandel aus dem Dry Creek Valley, brombeerig und pfeffrig, verlangt nach Grillfleisch oder einem scharfen Eintopf; Cabernet aus dem Alexander Valley ist weicher als der aus Napa. Wer in der Schweiz den Pinot Noir aus der Bündner Herrschaft kennt, probiert zuerst die nebelgekühlten Weine.