Wer von Seattle nach Osten über die Kaskaden fliegt, sieht das Land innert Minuten die Farbe wechseln: Das Grün der Küste weicht brauner Steppe, Beifuss und dem Columbia River. Die Berge wringen die Feuchtigkeit aus der Pazifikluft, und das Columbia-Becken dahinter bekommt rund 200 Millimeter Regen im Jahr; ohne Wasser aus dem Columbia, dem Yakima und dem Snake gäbe es kaum einen Rebberg. Der Bundesstaat hat rund 24 000 Hektaren Weinreben, fast alle östlich der Berge, und ist nach Kalifornien der grösste Produzent von Wein aus europäischen Rebsorten in den USA.
Genfer Breite, Wüstenlicht
Die Rebberge liegen etwa auf 46 Grad Nord, dem Breitengrad des Burgunds und von Genf und Lausanne. Der Hochsommer bringt fast 16 Stunden Tageslicht, fast eine Stunde mehr als im Napa Valley, und kalte Wüstennächte: Der Unterschied zwischen Tag und Nacht kann 20 Grad erreichen, was die Trauben frisch hält. Die Böden stammen vom Ende der letzten Eiszeit, als die Missoula-Fluten Kies und Schluff auf dem Basalt zurückliessen, später vom Wind mit Löss bedeckt. Sie sind sandig und karg, mit einer berühmten Folge: Die Reblaus tut sich darin schwer, sodass viele Reben noch unveredelt auf eigenen Wurzeln stehen. Der Preis ist der Winter: Arktische Luft kann minus 25 Grad bringen, und die Fröste von 1996 und 2003 richteten schwere Schäden an, vor allem beim Merlot.
Im Glas
Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.
| Rebsorte | Süsse | Säure | Tannin | Körper |
|---|---|---|---|---|
| Cabernet Sauvignon | trocken | mittel bis hoch | mittel(+) bis hoch | mittel bis voll |
| Merlot | trocken | mittel(−) bis mittel | mittel(−) bis mittel(+) | mittel bis voll |
| Syrah | trocken | mittel bis mittel(+) | mittel bis hoch | mittel bis voll |
| Riesling | trocken bis edelsüss | hoch | weiss, ohne Tannin | leicht bis mittel(+) |
| Chardonnay | trocken | mittel bis hoch | weiss, ohne Tannin | mittel(−) bis voll |
Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche.
Ein Dach, viele Namen
Fast alles steht unter einer Appellation: Das Columbia Valley, 1984 über rund einen Viertel des Staates gezogen, umfasst über 99 Prozent der Reben. Das Yakima Valley, 1983 als erste AVA Washingtons anerkannt, ist eines seiner grössten Anbaugebiete; Red Mountain, ein kahler Hang bei den Tri-Cities, ist klein und heiss und für einige der strukturiertesten Cabernets des Staates bekannt; die Horse Heaven Hills über dem Columbia liefern Menge und einige der teuersten Flaschen des Staates; das Walla Walla Valley, seit 1984 eine AVA, reicht über die Grenze nach Oregon und hat eine der dichtesten Häufungen von Weingütern. Nach Kanada hinein setzt sich die Senke als Okanagan fort.
Grössenvergleich
24 000 ha Washington State hat rund 1,7× so viele Reben wie die ganze Schweiz.
Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.
Rebflächen im Vergleich
Rebfläche in Hektaren, gerundet, nach den Angaben der Artikel. Regionen ohne verlässliche Flächenangabe fehlen.
Riesling mit Moselakzent
Chateau Ste. Michelle, das älteste Weingut des Staates, führt seine Wurzeln auf 1934 zurück, das Jahr nach dem Ende der Prohibition, und hat seit 1976 sein Château in Woodinville bei Seattle. Der Riesling prägte den Staat lange: Mit dem Jahrgang 1999 lancierten das Weingut und Ernst Loosen aus Bernkastel an der Mosel den Eroica, einen halbtrockenen Riesling. Leonetti Cellar, das erste Weingut des modernen Walla Walla Valley, öffnete 1977; Quilceda Creek, 1978 nördlich von Seattle gegründet, erhielt 2006 vom Wine Advocate zweimal 100 Punkte, die ersten für einen amerikanischen Wein von ausserhalb Kaliforniens. Heute führt der Cabernet Sauvignon mit über einem Viertel der Ernte, und der Staat zählt rund tausend Weingüter.
Reif, aber nicht schwer
Cabernet und Merlot aus Washington liegen zwischen Napa und Bordeaux: reife schwarze Frucht, feste Gerbstoffe und eine Frische von den kalten Nächten, bei 16 bis 18 Grad zu Lamm oder einem Rib-Eye-Steak. Syrah ist dunkel und pfeffrig; die Rieslinge, trocken bis halbtrocken, sind wie gemacht für asiatische Küche. Für Schweizer Leser ist der Vergleich die Breite, nicht die Sorte: Die Reben des Columbia Valley stehen so weit nördlich wie der Genfersee, und doch bringen die langen Tage und die Wüstenhitze den Cabernet Sauvignon voll zur Reife.