Legt man ein Stück Kreide von den South Downs neben eines aus der Côte des Blancs, sieht man kaum einen Unterschied. Der weisse Fels der North und South Downs und der Klippen von Dover ist dieselbe Oberkreide, die unter der Champagne liegt: ein einziges grosses Kreidebecken, das unter dem Ärmelkanal abtaucht und um Reims und Épernay wieder zutage tritt. Auf rund 51 Grad Nord, ein Grad jenseits der Lehrbuchgrenze des Rebengürtels, war England lange zu kalt, um Pinot Noir verlässlich reif zu bekommen. Seit den 1990er-Jahren sind die Sommer oft genug warm genug, und das Ergebnis ist eine Schaumweinregion, die selbst die Champagne ernst nimmt.

Von Hambledon nach Nyetimber

Der moderne englische Wein begann bescheiden. Sir Guy Salisbury-Jones pflanzte Anfang der 1950er-Jahre in Hambledon in Hampshire, und die Rebberge der 1970er- und 1980er-Jahre trugen deutsche Neuzüchtungen und Hybriden für dünne, leicht süsse Weissweine. Die Wende kam in West Sussex: 1988 pflanzten Stuart und Sandy Moss, ein amerikanisches Ehepaar, in Nyetimber Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier, und ihr Blanc de Blancs 1992, 1996 auf den Markt gebracht, zeigte, dass englische Kreide kann, was die Champagne kann. Ridgeview in Ditchling Common und Rathfinny über Alfriston folgten in den South Downs, Gusbourne in Appledore und Chapel Down in Tenterden, einer der grössten Produzenten Englands, in Kent.

Im Glas

Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.

RebsorteSüsseSäureTanninKörper
Chardonnaytrockenmittel bis hochweiss, ohne Tanninmittel(−) bis voll
Pinot Noirtrockenmittel(+) bis hochniedrig bis mittelleicht bis mittel
Pinot Meuniertrockenmittel(+) bis hochniedrig bis mittel(−)leicht bis mittel(−)

Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche.

Die Champagne kauft in Kent

Dann kam die Champagne. Taittinger kaufte 2015 Land in Chilham bei Canterbury, pflanzte 2017 und brachte 2025 die erste Domaine Evremond heraus; Pommery hat im benachbarten Hampshire sein eigenes Pinglestone Estate bepflanzt. Die Zahlen erklären, warum. Grossbritannien hatte 2009 rund 1 300 Hektaren Reben, 2023 über 4 200 und 2024 über 4 800. 2022 war Kent mit über 1 000 Hektaren die grösste Grafschaft und trug zusammen mit East und West Sussex mehr als die Hälfte der Fläche. Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier machen zwei Drittel der Reben aus, und zwischen zwei Dritteln und drei Vierteln des Weins ist Schaumwein, fast alles nach traditioneller Methode. Die Ernte 2023 brachte mit 21,6 Millionen Flaschen einen Rekord; das nasse, kühle 2024 gab die Hälfte. Seit 2022 schützt die PDO Sussex den Namen; für Schaumwein verlangt sie die traditionelle Methode, Handlese, hauptsächlich die drei Champagne-Sorten, mindestens fünfzehn Monate in der Flasche und die Freigabe durch eine Degustationskommission.

Grössenvergleich

Schweiz

2 100 ha Sussex und Kent hat rund 15 % der Schweizer Rebfläche.

Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.

Die Kreide im Glas

Im Glas ist englischer Schaumwein schlanker und straffer als die meisten Champagner: hohe Säure, grüner Apfel, Zitrone und Heckenblüten, nach drei und mehr Jahren auf der Hefe Brioche und Toast. Schweizer Leserinnen und Leser kennen das Rezept aus der Romandie, wo Genf, die Waadt und Neuenburg Schaumwein nach traditioneller Methode aus denselben Sorten Chardonnay und Pinot Noir machen. Stillwein ist eine wachsende Minderheit: Bacchus, eine deutsche Neuzüchtung aus den 1930er-Jahren, gibt einen aromatischen Weisswein mit Holunderblüte und Stachelbeere, oft Englands Antwort auf Sauvignon Blanc genannt.

Am Tisch wollen die Schaumweine, was der Champagner will: Austern und Krabben, Fish and Chips, einen Teller Hartkäse oder gar nichts. Bei 6 bis 8 Grad servieren, Jahrgangsweine etwas wärmer; Bacchus passt bei 8 bis 10 Grad zu Spargel und Ziegenkäse.