Von Worms fliesst der Rhein nach Norden bis Mainz, biegt nach Westen ab und läuft weiter nach Bingen. In diesem Knie, dem Rheingau gegenüber, liegt Rheinhessen, das Land der tausend Hügel: rund 27 700 Hektaren sanfter Hänge zwischen Mainz, Worms, Bingen und Alzey, das grösste Weinanbaugebiet Deutschlands. Der Name erinnert an das Grossherzogtum Hessen, zu dem die Provinz ab 1816 gehörte; heute liegt sie in Rheinland-Pfalz. Rheinhessen zählt zu den wärmsten und trockensten Ecken Deutschlands, mit rund 500 bis 600 Millimetern Regen im Jahr, auf Löss, Kalk und Mergel.

Roter Fels über dem Strom

Die Ausnahme ist die Rheinterrasse. Zwischen Nackenheim und Nierstein fallen die Hügel am Roten Hang direkt zum Fluss ab: rund fünf Kilometer Steilhänge mit über 20 Prozent Gefälle auf Rotliegendem, Sand- und Tonstein aus dem Perm, den Eisen rot färbt und der die Wärme des Tages speichert. Rothenberg, Pettenthal, Hipping und Ölberg bringen einige der reichhaltigsten Rieslinge Deutschlands hervor, und das Niersteiner Glöck gilt der Überlieferung nach, gestützt auf eine Urkunde von 742, als älteste dokumentierte Weinlage des Landes.

Im Glas

Die Rebsorten, für die die Region bekannt ist, nach Süsse, Säure, Tannin und Körper.

RebsorteSüsseSäureTanninKörper
Rieslingtrocken bis edelsüsshochweiss, ohne Tanninleicht bis mittel(+)
Müller-Thurgautrocken bis fast trockenniedrig bis mittel(−)weiss, ohne Tanninleicht bis mittel(−)
Silvanertrocken, auch süssmittel(−) bis mittelweiss, ohne Tanninmittel(−) bis voll
Pinot Gristrocken bis fast trocken, auch süssmittel(−) bis mittelweiss, ohne Tanninmittel(−) bis voll
Pinot Blanctrocken bis fast trocken, auch süssmittel bis mittel(+)weiss, ohne Tanninmittel(−) bis mittel(+)
Pinot Noirtrockenmittel(+) bis hochniedrig bis mittelleicht bis mittel

Typische Spannen jeder Sorte weltweit, nicht allein in dieser Region, nach dem Degustationsraster des WSET (Level 3, 2022): von trocken bis edelsüss, von niedrig bis hoch, von leicht bis voll. Der Punkt vor dem Namen zeigt die Farbe einer typischen Flasche. Umrandet: ein süsser Stil neben den trockenen Weinen.

Von der Liebfraumilch zum Grossen Gewächs

Der Ruf der Region wurde in Worms gemacht und wieder verspielt. Wein aus den Rebbergen rund um die Liebfrauenkirche hiess schon im 18. Jahrhundert Liebfrauenmilch, und Blue Nun machte ihn später in Grossbritannien und den USA zum Verkaufsschlager. In den 1970er- und 1980er-Jahren stand Liebfraumilch für billigen süssen Supermarktwein und schadete dem deutschen Wein insgesamt. Kurz nach 2000 gründeten rund zwanzig junge Winzerinnen und Winzer die Gruppe Message in a Bottle für trockene, lagenbetonte Weine, und der kalkreiche Wonnegau im Süden, mit Keller in Flörsheim-Dalsheim und Wittmann in Westhofen, wurde zum neuen Schwerpunkt. Morstein, Kirchspiel, Pettenthal und Hipping sind Grosse Lagen des VDP; Mainz und Rheinhessen sind seit 2008 eine Great Wine Capital.

Grössenvergleich

27 700 ha Rheinhessen hat rund 1,9× so viele Reben wie die ganze Schweiz.

Ein Quadrat ist die ganze Schweiz: rund 14 350 Hektaren Reben.

Rebflächen im Vergleich

  1. Rheinhessen27 700 ha
  2. Pfalz23 600 ha
  3. Baden15 000 ha
  4. Mosel8 300 ha
  5. Rheingau3 100 ha

Rebfläche in Hektaren, gerundet, nach den Angaben der Artikel. Regionen ohne verlässliche Flächenangabe fehlen.

Ein Thurgauer Name auf Platz zwei

Drei Viertel der Fläche sind weiss. Der Riesling führt mit rund einem Fünftel, über 5 000 Hektaren, etwa so viel wie an der Mosel und etwas weniger als in der Pfalz. Es folgt der Müller-Thurgau mit rund 3 800 Hektaren, einem guten Drittel des deutschen Bestands und mehr als in jedem anderen Gebiet: Die Kreuzung, die Hermann Müller aus Tägerwilen im Thurgau 1882 in Geisenheim züchtete, bedeckt hier ein Vielfaches der rund 410 Hektaren der ganzen Schweiz. Der Silvaner hält rund 1 800 Hektaren, über 40 Prozent der deutschen Fläche, eine Hochburg, die er sich mit Franken teilt; Georg Scheu züchtete 1916 in Alzey die Scheurebe. Rund ein Viertel ist rot, angeführt vom Dornfelder mit rund 3 000 Hektaren, mehr als irgendwo sonst in Deutschland.

Weck, Worscht un Woi

Riesling vom Roten Hang ist reif und breit, gelbe Frucht mit einer rauchigen, fast salzigen Note; vom Kalk des Wonnegaus kommt er straffer, mit Zitrus und kreidigem Griff. Zum Essen: trockener Riesling bei 8 bis 10 °C zu Zander, Spargel oder Spundekäs, dem Frischkäseaufstrich, den Mainz zur Brezel serviert; Dornfelder leicht gekühlt, 14 bis 16 °C, zu den Grillwürsten der Weinfeste. In Mainz heisst das kurz Weck, Worscht un Woi: Brötchen, Wurst und Wein.