Ein Jahr hat vier Jahreszeiten, und jede hat ihre Arbeit. Im Frühling entscheidet man, wie früh man aufsteht: Wer früh dran ist, wählt zuerst, wer ausschläft, bekommt dafür einen besseren Bonus. Im Sommer pflanzt man Reben, führt Besucher durch das Gut und verkauft Trauben, im Herbst kommen Gäste, im Winter wird gelesen, gekeltert und geliefert. So läuft «Viticulture», das Brettspiel von Jamey Stegmaier und Alan Stone, 2012 über Kickstarter finanziert und 2013 erschienen. Man übernimmt ein bescheidenes Gut in der Toskana und macht daraus das beste der Gegend; wer 20 Siegpunkte erreicht, beendet das Spiel am Ende des Jahres.

Was das Spiel richtig macht

Erstaunlich viel davon stimmt. Die Rebkarten tragen echte Sorten, und manche verlangen Vorarbeit: Sangiovese und Malvasia wachsen ohne Hilfe, Pinot, Syrah und Trebbiano brauchen ein Drahtgerüst, Merlot und Sauvignon Blanc eine Bewässerung, Cabernet Sauvignon und Chardonnay beides. Trauben und Weine sind Plättchen mit Werten von 1 bis 9, und jedes Jahr legen sie einen Punkt zu, der Wein aber nur, soweit der Keller reicht: Für die besseren Weine braucht es zuerst einen mittleren, dann einen grossen Keller. Schaumwein entsteht aus zwei roten und einer weissen Traube, ein wenig wie Champagner, der Pinot Noir und Meunier mit Chardonnay vermählt.

Zum Angeben am Apéro

Den «Blush» aus Viticulture, aus einer roten und einer weissen Traube, kennt die Schweiz als Schiller: Wein aus blauen und weissen Trauben, die gemeinsam verarbeitet werden.

Wo der Keller schummelt

Anderes ist Spiel. In Viticulture wird jeder Wein im Keller Jahr für Jahr besser; in Wirklichkeit ist der grösste Teil des Weins für den baldigen Genuss gemacht, und nur wenige Flaschen gewinnen mit der Zeit. Den Rosé des Spiels, den «Blush», keltert man aus einer roten und einer weissen Traube. In der EU darf Rosé im Allgemeinen nicht durch Verschnitt von Rot- und Weisswein entstehen, eine Ausnahme ist der Schaumwein. Die Schweiz kennt aber eine Tradition, die dem Spiel recht gibt: Der Schiller ist Wein aus blauen und weissen Trauben, die gemeinsam verarbeitet werden. Auch die Bewässerung ist im Spiel ein Bauwerk wie jedes andere; in vielen europäischen Appellationen ist sie eingeschränkt, und im trockenen Wallis leiten seit Jahrhunderten die Suonen das Wasser zu den Reben.

Das Spieleregal

Vier Weinspiele vom Familien- bis zum Expertenspiel, und was sie über den Wein lehren.

  1. Vignobles2017

    Fabrice Arcas, Guillaume Peccoz · Ludocom

    • 2–4 Spieler
    • rund 45 Min.
    • Familienspiel

    Südwestfrankreich, auf der Rückseite ganz Frankreich

    Weinhandel mit den Appellationen einer Region

  2. Viticulture2013 · Essential Edition 2015Dieser Artikel

    Jamey Stegmaier, Alan Stone · Stonemaier Games

    • 1–6 Spieler
    • 60–90 Min.
    • Kennerspiel

    ein altes Gut in ItalienToskana

    das Rebjahr: pflanzen, lesen, keltern, reifen lassen, liefern

  3. Grand Cru2010

    Ulrich Blum · eggertspiele

    • 2–5 Spieler
    • rund 90 Min.
    • Kennerspiel

    ein Weingut, auf Kredit gebaut

    Kredite, Investitionen und Keller, bis der letzte Kredit getilgt ist

  4. Vinhos2010 · Deluxe Edition 2016

    Vital Lacerda · Eagle-Gryphon Games

    • 1–4 Spieler
    • 90–180 Min.
    • Expertenspiel

    Portugal, neun RegionenVinho VerdeDouroAlentejo

    die Regionen Portugals, Önologen und die Weinmesse

Spielerzahl und Dauer nach den Angaben der Verlage; die Einordnung als Familien-, Kenner- oder Expertenspiel ist eine Einschätzung der Redaktion.

Ein Verlag, der mitwuchs

Viticulture war das erste Spiel von Stonemaier Games aus St. Louis; der Verlag brachte später «Scythe» und «Wingspan» heraus, das 2019 Kennerspiel des Jahres wurde. Die Erweiterung «Tuscany», 2014 finanziert und 2016 als Essential Edition neu aufgelegt, bringt einen grösseren Spielplan, auf dem 25 Punkte nötig sind; «Viticulture World» (2022) macht ein kooperatives Spiel daraus. Seit 2015 enthält die Essential Edition eine Solovariante gegen einen Kartengegner, die «Automa». Zur Partie passt ein Sangiovese aus der Toskana; die Schweizer Antwort auf den Blush wäre ein Schiller aus der Ostschweiz.