«Elegant», «harmonisch», «ausdrucksvoll»: Mit solchen Wörtern konnte Ann C. Noble nichts anfangen. Die Sensorikforscherin kam 1974 an die University of California in Davis, als erste Frau im Lehrkörper der Abteilung für Weinbau und Önologie, und brauchte für ihre Versuche eine Sprache, die alle Prüferinnen und Prüfer gleich verstehen. Also sammelte sie mit Studierenden und Fachleuten Begriffe, strich alles Wertende und Vage und ordnete den Rest auf einem Kreis. 1984 erschien das Rad in einer Fachzeitschrift, 1987 eine überarbeitete Fassung, die bis heute in Weinschulen, Kellereien und Degustationsräumen hängt.
Von innen nach aussen
Das Rad liest man von der Mitte zum Rand. Im innersten Ring stehen zwölf Familien: fruchtig, blumig, würzig, pflanzlich, nussig, karamellisiert, holzig, erdig, chemisch, stechend, oxidiert und mikrobiologisch. Der mittlere Ring teilt sie auf, das Fruchtige etwa in Zitrusfrüchte, Beeren, Baumfrüchte, tropische und getrocknete Früchte, und der äussere nennt die einzelnen Düfte: Grapefruit, Brombeere, Aprikose, Ananas, Rosine. Wer im Glas etwas Fruchtiges riecht, aber nicht weiss was, arbeitet sich so nach aussen vor. Das Rad gibt keine Antwort vor, es stellt die nächste Frage.
Zum Angeben am Apéro
Auf Ann Nobles Rad fehlen Wörter wie «elegant» oder «harmonisch» mit Absicht: Es führt nur Begriffe, die man mit einer Probe im Glas vorführen kann.
Eine Probe zu jedem Wort
Der Kern der Methode steht nicht auf dem Rad, sondern daneben. Die Fassung von 1987 schlug zu den Begriffen Referenzproben vor, die man selbst ansetzen kann, meist ein neutraler Grundwein mit einer kleinen Zugabe aus der Küche: etwas Pfeffer, ein Stück Peperoni, ein Tropfen Vanille. So wird ein Wort zu einem Duft, den alle im Raum gerochen haben, und eine Prüfergruppe kann sich einigen. Das Prinzip hat sich durchgesetzt: Weinschulen wie der WSET arbeiten mit festen Begriffslisten, und Duftkoffer wie Le Nez du Vin liefern die Proben fertig in Fläschchen.
Die zwölf Familien des Aromarads
Der innere Ring des Rads, mit je einem Beispiel aus dem Glas. Von hier aus arbeitet man sich nach aussen vor.
- FruchtigCassis im Cabernet Sauvignon
- BlumigRose im Gewürztraminer
- Würzigschwarzer Pfeffer im Syrah
- Pflanzlichfrisch geschnittenes Gras im Sauvignon Blanc
- NussigHaselnuss im Chardonnay aus dem Barrique
- KaramellisiertHonig im Tokajer
- HolzigVanille und Zeder aus dem Eichenfass
- ErdigPilze und Unterholz im gereiften Pinot Noir
- ChemischPetrol im gereiften Riesling
- Stechenddie Schärfe des Alkohols in der Nase
- Oxidiertdie Note oxidativ gereifter Sherrys
- MikrobiologischHefe und Brioche im Champagner
Die zwölf Familien nach Ann C. Noble und anderen (1987); die Beispiele stammen aus den Artikeln über Rebsorten und Regionen.
Streit um den Petrolton
Wie heikel Wörter sind, zeigte die deutsche Fassung. Das Deutsche Weininstitut gab getrennte Räder für Weiss- und Rotwein heraus und strich aus dem Weisswein-Rad die chemische Familie, und mit ihr den Petrolton, ausgerechnet ein Erkennungszeichen des gereiften Rieslings. Fachleute im Ausland kritisierten das. Für die eigene Degustation genügt das Original: Man legt es neben das Glas, beginnt in der Mitte und sagt nur, was man wirklich riecht. Wer so einen Chasselas beschreibt, landet bei Apfel und Birne, unter den Baumfrüchten, und bei der Lindenblüte, unter den Blumen, und hat danach Worte für einen Wein, den man in der Schweiz oft trinkt, aber selten beschreibt.
